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ENTARTUNG UND DEN IE.
der menschlichen Kraft zu überschreiten. Er besitztim höchsten Grade die Kunst, die Menschen zu be-herrschen. Wie ein moderner Naturforscher unter-wirft er jede Hypothese und jede Deduction einerPrüfung durch präcisc Experimente unter exact ge-wählten Bedingungen. Daher oft das Treffende seinerBemerkungen. So sagt er im Staatsrath bei der Be-rathung über die Ehescheidung: ,der Ehebruch ist keinPhänomen, er ist eine ganz gewöhnliche Sache 1 , ,c’cstune affaire de canape.' Ein anderes Mal rief er aus, unddiesem Ausruf ist er sein Heben lang treu geblieben: ,1 DieFreiheit ist das Bedürfniss einer kleinen, mit höherenFähigkeiten als die der gewöhnlichen Menschen be-gabten Kaste. Man kann sie deshalb ungestraft ver-ringern oder vergewaltigen; die Gleichheit dagegenlockt die grossen Massen.' Er besass eine Fähigkeit,die auf das Mittelalter zurückweist, eine schöpferische,verblüffende Phantasie; was er thut, überrascht, mehrnoch überrascht, was er anfängt, und am meisten das,was er plant. So üppig sich auch in ihm die prac-tischen Fähigkeiten entwickelt zeigen, die poetischeBegabung war bei ihm grösser, als die politische.Die Grandiosität seiner Pläne wird zum Ucbermass,und das Ucbermass zur Tollheit. Welche hoch-fliegenden, monströsen Entwürfe drängten, wälzten,überstürzten sich in diesem merkwürdigen Gehirn.Europa ist ihm eines Tages nur ein Maulwurfshügel;nur in Asien mit seinen 600 Millionen Menschenkann man grosse Umwälzungen hervorrufen und grosseReiche schaffen. In Egypten träumt er davon, Syrien zu erobern, dann das Kaiserreich in Konstantinopel wicderherzustellen, und als Eroberer über Adrianopel und Wien nach Paris zurückzukehren. Im Orientverführt ihn die Fata Morgana der Allmacht und esüberfällt ihn die Idee, als zweiter Muhamed aufzutretenund eine neue Religion zu gründen. Während er in Eu ropa das Reich Karl’s des Grossen wicderherzustellen