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Entartung und Genie : neue Studien / von Cesare Lombroso ; gesammelt und unter Mitwirkung des Verfassers Deutsch Herausgegeben von Dr. Hans Kurella
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ZUR THEORIE DER GENIALITÄT.

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schäften im practischcn Leben zu coordiniren, zu be-herrschen und zu leiten, bedurfte es einer enormenKraft, und diese Kraft fand Napoleon im Egoismus;dieser active verheerende Egoismus, der bis zu einemGrade entwickelt war, dass er eine ganz übermässighohe Vorstellung seines eignen Ich hatte, und inseiner näheren und weiteren Umgebung keine Persön-lichkeit duldete, die nicht seine Creatur oder wenig-stens in irgend einer Weise von ihm abhängig war,dieser Egoismus zeigte sich schon in seiner Kind-heit, wo er gewissenlos, rücksichtslos und nicht zubändigen war, keinen Rivalen neben sich duldete,alle schlug, die ihm nicht genug Ehrerbietung zollten,und dann seine Opfer beschuldigte, ihn gemisshan-delt zu haben.«

»Er betrachtete die Welt als ein grosses Bankett,bei dem jeder, der nicht hungrig Zusehen wollte,lange Arme haben, zuerst zulangen und den Anderndas Nachsehen lassen müsse. ,Der Mensch behauptetsich vermöge seiner egoistischen Leidenschaften,der Furcht, der Schlauheit, der Eigenliebe, des Ehr-geizes. 1 Diese Anschauungen änderte Napoleon niemals, und er konnte es auch nicht, denn sie lagentief in seinem Charakter begründet; er sah denMenschen so, wie er ihn sehen musste«.

»Grenzenloser Egoismus zeigt sich auch in seinemEhrgeiz, der ihn bis zu völliger Gewissenlosigkeittrieb; er scheut sich nicht, Frankreich mit einer Ge-liebten zu vergleichen, die man ausnutzt. In derAusübung der Macht duldete er weder Rivalen nochVermittler, weder Grenzen noch Hindernisse«.

»Es genügt ihm nicht, dass ein Beamter thätigund eifrig ist, jede Spur von Kritik muss in ihm er-stickt sein und er muss seinem Kaiser angehörenmit Leib und Seele. In der unbedeutendsten Be-merkung wittert Napoleon eine Verschwörung oderein Attentat auf seine Souveränität. Er verlangt von

I.OMBROSO, Entartung und Genie. *9