ZUR THEORIE DER GENIALITÄT.
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und der Gefühlsüberschwang des Heiligen. Geradediese letzte Erscheinung ist um so wichtiger, als mangegen meine Theorie den Einwand erhoben hat, diebeim Epileptiker stets vorhandene Immoralität gestattenicht, ihn mit dem zarten und rührenden Bilde desHeiligen zu identificiren; dieser Einwand ist übrigensschon durch Beobachtungen von Bianchi, Tonnini*)und Fiupri widerlegt, wonach i6°/ 0 der Epileptikerdurchaus ehrenhaft sind und einen ausgeprägten Al-truismus, ja eine gesteigerte Emotivität erkennenlassen.
Wenn ein Genie epileptisch ist, so ist die Epi-lepsie bei ihm nicht eine blosse Begleiterscheinung,sondern sie ist ein wahrer »morbus totius substan-tiae«, um mich im Aerztclatein auszudrücken; undhieraus ergiebt sich ein neuer Hinweis darauf, dassdas Genie seiner Natur nach eine epileptoide Er-scheinung ist.
3. DIE DEGEXERATIVE THEORIE DER GENIALITÄTUND DIE BIOLOGIE DER ENTARTUNG.
Die Degeneration erklärt uns also die Entstehungdes Genies, aber damit fallen seine Anomalien, seinecharakteristischen atavistischen Rückschläge in dasGebiet jener merkwürdigen Compensations-Erschei-nungen, die uns durch die epochemachenden Unter-suchungen von Roux und Mktschnikow über denKampf der Theile im Organismus vermittels derl’hagocyten bekannt und verständlich geworden sind;dieser Kampf bedingt alle grossen Umwandlungenim lebenden Organismus und ermöglicht das Vor-herrschen des einen Organs durch Herbeiführeneines atrophischen Processes in anderen Organen.