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Süd-Deutschland : Oberrhein, Baden, Württemberg, Bayern und die angrenzenden Theile von Österreich : Handbuch für Reisende / K. Baedeker
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Zur kunsthistorischen Orientirung

von

Anton Springer .

Die folgenden Blatter sollen nicht und wollen nicht den Rei-senden in zudringlicherWeise vom Naturgenusse ablenken und zurKunstbetrachtung mahnen. Auf einzelnen Reisezielen und länge-ren Ruhepunkten, in den grossen süddeutschen Städten richtet sichdie Aufmerksamkeit von selbst auf das gegenwärtige und ver-gangene Kunstleben, und auch sonst trifft das Auge auf zahlreicheDenkmäler alter und neuer Zeit, welche den Blick fesseln und dasInteresse erregen. Dieses Interesse ist heutzutage erstaunlich um-fassend und umfangreich geworden. Noch vor wenigen Jahrzehnteil gingen wir an „der Väter Hausrath“ gleichgiltig vorüber, hattenfür die Bauten des xvi. und xvii. Jahrhunderts meist nur ein ver-ächtliches Achselzucken bereit. Jetzt ist die „deutscheRenaissance“ein Gegenstand der Bewunderung und eifrigen Nachahmung gewor-den. Aus dem Mittelalter hoben sich nur einzelne mächtige Dome,die allgemeine Theilnahme weckend und als wahre Kunstschöpf-ungen gepriesen, hervor; die grosse Mehrzahl mittelalterlicherWerke blieb unbekannt und unbeachtet. Gegenwärtig stehen auchLaien der Entwickelungsgeschichte der mittelalterlichen Kunstnicht mehr völlig fremd gegenüber. Der historische Sinn spieltin die ästhetische Betrachtungsweise vielfach hinein und hat dieSumme der künstlerischen Interessen namhaft erweitert, das Ver-ständnis auch auf entlegenere Kunstperioden ausgedehnt. Diesenhistorischen Sinn zu fördern und zu unterstützen ist der Zweck derfolgenden Zeilen.

Süddeutschland ist ein uralter Kultur- und Kunstboden. Erstein volles Jahrtausend später treten die norddeutschen Landschaf-ten in die hellen Kreise geschichtlichen Lebens ein. ZahlreicheAusgrabungen deuten auf einen frühen Verkehr mit Italien , theil-weise noch in vorchristlichen Zeiten hin, nicht minder zahlreicheSpuren entdeckte man von den römischen Ansiedlungen, welchedie wichtigsten Handclsstrassen und Wasserwege entlang gegrün-det wurden. Doch stehen die aufgefundenen Reste römischer Kunstan Grösse und Bedeutung weit hinter den Denkmälern am linkenRheinufer und besonders im Moselthale zurück. Das römischeTrier ergreift die Phantasie auch des Laien, die Römerwerke aufdem Boden Rhätiens und Noricums fesseln doch wesentlich nur dieAufmerksamkeit des Forschers. Früh drang das Christenthum(h. Severin im v. Jahrh.) in Süddeutschland vor, fränkische undirische Missionäre fanden hier einen fruchtbaren Boden. Kloster-stiftung folgt auf Klosterstiftung und schwerlich gibt es einen an-