Band 
Erster Band.
Seite
23
JPEG-Download
 

Zweites Kapitel. 23

sie soll die Grundlage für alle Spekulationen bilden und mussdeshalb auf ihren einfachsten Ausdruck zurückgebracht werden.

So erhellt 1) dass das Ganze der Wissenschaft sich aus derKenntniss des Abstrakten und der Kenntniss von dessen Anwen-dung zusammensetzt und dass ich mit dem ersteren mich zu beschäf-tigen habe; 2) dass das theoretische Wissen sich in die allgemeinenund in die besonderen Wissenschaften theilt und ich nur das ersterein Betracht zu nehmen habe.

Indem meine Aufgabe in dieser Weise umgrenzt ist, kann ichnun leicht zur Eintheilung der Wissenschaften vorschreiten, welcheder Gegenstand dieses Kapitels ist. Hierbei erhellt, dass einesolche Eintheilung, wenn sie auch noch so natürlich erscheint, dochimmer etwas Willkürliches oder mindestens etwas Künstliches ansich hat. Bei jeder encyclopädischen Arbeit muss man die Wissen-schaften nach deren natürlicher Verknüpfung ordnen und derennatürliche Abhängigkeit so einhalten, dass man sie der Reihe nachdarstellen kann, ohne im geringsten in einen falschen Zirkel ver-wickelt zu werden. Allerdings kann diese Bedingung in vollerStrenge nicht eingehalten werden, wie ich hier näher darlegenmöchte.

Jede Wissenschaft kann nämlich auf historische und auf dog-matische Weise dargestellt werden; beider ersteren wird der Inhaltin der Ordnung vorgetragen, in welcher der menschliche Geist siegewonnen hat, indem man dabei dieselben Wege einhält. Beider zweiten Weise bietet man das System der Begriffe so, wie esgegenwärtig von einem einzelnen Mann aufgefasst werden würde,der genügend eingeweiht ist und bestrebt wäre, die Wissenschaftals ein Ganzes darzustellen. In der ersten Weise geschieht dieAusbildung jeder erst werdenden Wissenschaft. Alles Lernen be-wegt sich dabei in der Weise, dass die Originalwerke, welche zumFortschritt dieser Wissenschaft beigetragen haben, in chronologischerOrdnung studirt werden. Umgekehrt erfordert die dogmatischeWeise, dass alle einzelnen Leistungen zu einem allgemeinen Systemverarbeitet werden. Je mehr eine Wissenschaft fortschreitet, destomehr wird die historische Ordnung unpraktisch und die dogma-tische mehr und mehr ausführbar.