22
Zweites Kapitel.
Das Studium der allgemeinen Gesetze alles Lebens und dieFeststellung der besonderen Lebensweise jedes einzelnen lebendenKörpers bilden zweierlei Klassen von Arbeiten, von welcher jedeeinen eigenthümlichen Charakter hat. Die zweite Klasse hat iiber-dem die erstere zu ihrer Grundlage. Ebenso verhält es sich mitChemie in Bezug auf die Mineralogie, jene ist die Grundlage fürdiese. In der Chemie werden alle möglichen Verbindungen derMoleküle untersucht; bei der Mineralogie werden nur diejenigenVerbindungen in Betracht genommen, welche bei Bildung unsererErde sich vollzogen haben. Die Mehrzahl der Thatsachen, welcheman in der Chemie in Betracht zieht, haben nur eine künstlicheExistenz. Solche Körper, wie das Chlor oder die Pottasche, könnenfür die Chemie eine grosse Wichtigkeit haben, da deren Verwandt-schaft eine sehr ausgedehnte und kräftige ist; aber in der Mine-ralogie ist deren Bedeutung sehr gering. Umgekehrt hat einKörper, wie der Granit oder Quarz, mit deren Betrachtung sichdie Mineralogie überwiegend beschäftigt, für die Chemie nur einmassiges Interesse.
Diese Unterscheidung wird um so nöthiger, weil jede Abthei-lung der besonderen Physik die vorgehende Ausbildung der ent-sprechenden Abtheilung der abstrakten Physik erfordert undausserdemnoch die Kenntniss der Gesetze, die sich auf alle Klassen der that-sächlichen Vorgänge beziehen. So bedarf man zum Studium unsererErde die Kenntniss der Physik und Chemie und nicht minder derAstronomie und der Biologie. Ebenso verhält es sich bei den übrigenNaturwissenschaften. Deshall) hat die besondere Physik noch sowenig Fortschritte machen können; ihr gründliches Studium isterst nach der allgemeinen Physik möglich.
Diese Bedingung rechtfertigt es, dass ich mich auf das Studiumder allgemeinen Wissenschaften beschränke. Bei dem gegenwär-tigen Zustand des menschlichen Geistes wäre es ein Widerspruch,wenn man diese beiden Klassen von Wissenschaften in ein unddemselben Werke behandeln wollte. Die Philosophie über diegrundlegenden Wissenschaften gewährt ein System positiver Be-griffe über alle Klassen von Kenntnissen und genügt deshalb zurAufrichtung jener ersten Philosophie, welche Baco suchte;