Band 
Zweiter Band.
Seite
241
JPEG-Download
 

Vierundfünfzigstes Kapitel. 241

nicht eine geistliche, angemessen organisirte Gewalt dabei wirksam«ingegriffen hätte.

War die moralische Wirksamkeit des Katholizismus im Mittel-alter an ein System gemeinsamer Ueberzeugungen gebunden, derenMacht, nachdem sie sich einmal gebildet hatte, zu einer unwider-stehlichen Autorität sich erhob; oder sollte diese Wirksamkeitnach der gewöhnlichen Meinung aus den persönlichen Gefühlender Hoffnung und insbesondere der Furcht in Bezug auf daskünftige Leben hervorgegangen sein? Diese Frage ist nie angemessengestellt worden; um sie zu lösen, muss man die mehr oder wenigerausnahmsweisen Fälle betrachten, wo diese beiden Einflüsse, umderen Vergleichung es sich handelt, sich einander entgegenstehen.Bas allgemeine Vorurtheil ist in allen Fällen mächtiger als diereligiösen Vorschriften, wenn beide einander widersprechen. Con-dorcet hat wohl allein eine solche Erörterung verstanden; er hatvor allem ein entscheidendes Beispiel angeführt, nämlich das Duell,Was durch die militärische Sitte in den schönsten Zeiten des Katho-lizismus eingeführt war, und bei dem trotzdem die frommen Ritterden kräftigsten religiösen Verboten zu trotzen wagten. Dagegenverschwindet heutzutage bei einem nicht weniger bezeichnendenRegensatze das Duell mehr und mehr unter dem blossen Ueber-gewicht der industriellen Sitten, trotz des praktischen Verfalls dertheologischen Verbote.

Auf den ersten Blick scheint nichts die Macht der religiösenSchrecken aufwiegen zu können, die sich auf eine unbestimmteZukunft beziehen. Trotzdem giebt es Gemüther energisch genug, umsich mit einer solchen Aussicht vertraut zu machen; sie werdendurch solche Furcht nicht mehr von ihren Leidenschaften abge-schreckt. Die Ewigkeit des Schmerzes ist ebenso unverständlich,'vie die Ewigkeit des Vergnügens; sie können sich in der Vor-stellung nicht mit dem Satz vertragen, dass jedes thierische Lebendie stetig fortdauernden Empfindungen in Gefühllosigkeit verwandelt.Milton mag sein bewunderuugswerthes Genie benutzen, um unsdie Verdammten zu schildern, wie sie wechselsweise mit teuflischerSehlauheit aus einem See von Feuer in einen gefrorenen Teichgestürzt werden; die Vorstellung russischer Bäder ruft nach demersten Schrecken ein Lächeln hervor und man weise, dass die Macht

Comte-Kig, positive Philosophie. II. 16