288 Fünfundfünfzigstes Kapitel.
Prüfung derjenigen Irrthümer, welche eine Folge de» allgemeinenLage waren.
Der älteste und unglücklichste dieser Irrthümer liegt in deinVorurtheil, wonach jede besondere geistliche, von der weltlichenunabhängige Gewalt verworfen ivird. Nach Darlegung des Auf-kommens der weltlichen Diktatur, die den politischen Charakterder revolutionären Epoche ausmacht, brauche ich nicht zu sagen,wie sehr eine solche Konzentration für diese vorübergehende Ge-staltung passte. Aber der Nutzen einer solchen Diktatur solltenicht hindern, dass die Vervollkommnung anerkannt werde, welchedurch die Theilung der Gewalten, zur ewigen Ehre des Katholizis-mus, die soziale Organisation erhalten hat. Das Vorurtheil gegendiese Trennung der Gewalten ist die beklagenswertheste Folge desabsoluten Charakters der metaphysischen Auffassungen. Das Ge-fährlichste bei diesem Irrthum, der Quelle der meisten anderen,ist seine Allgemeinheit während der letzten drei Jahrhunderte.Seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts hat er sich durch alleKlassen der Gesellschaft verbreitet. Wenn auch der Protestantis-mus dieses Vorurtheil geheiligt hat, so hat er es doch nicht ge-schaffen, vielmehr verdankt er demselben seine eigene Entstehung-Unter mehr verhüllter Gestalt findet sich dieser Irrthum auch beider Mehrheit der katholischen Geistlichkeit, deren politische Er-niedrigung, die sie mit zunehmender Entsagung ertragen hat, ihrsogar das Andenken an ihre alte Unabhängigkeit hat verlierenlassen.
Von dem Einfluss eines solchen Irrthums muss man die Ver-achtung des Mittelalters ableiten, welche sich unter der Eingebungdes Protestantismus verbreitet hat; denn gerade der Hass gegendie katholische Verfassung war es, der diese Epoche so unge-rechter Weise hat verurtheilen lassen, und nicht blos bei denProtestanten, sondern selbst bei den Katholiken. Hier ist dieQuelle für jene blinde Bewunderung des Polytheismus, welche einenso beklagenswerthen Einfluss während des ganzen Laufs der revo-lutionären Periode geübt hat. Der Protestantismus hat zu diesemErgebniss durch seine Vorliebe für die ursprüngliche Kirche mitbeigetragen und insbesondere durch seinen Enthusiasmus für diejüdische Theokratie. Dadurch ist das Bewusstsein des Fortschritts