290 , Fünfundfunfzigstes Kapitel.
diesen fruchtlosen Umkehrungen nunmehr die Lösung aller sozialenAufgaben suchten.
Die von dem Protestantismus erzeugten moralischen Irrthümersind nicht minder schwer, als diese geistigen Verirrungen. Siebedürfen indess keiner so sorgfältigen Aufzählung, da deren Ab-stammung offenbarer und ihre Beurtheilung leichter ist. Die allenGeistern gelassene Freiheit in der Behandlung der schwierigstenFragen, musste die grössten Störungen zur Folge haben und konntenur die moralischen Begriffe für die klarsten Fälle unberührtlassen, so dass man sich wundern muss, wie solche Richtungennicht weiter auf Abwege getrieben haben. Man muss dafür zu-nächst der moralischen und geistigen Gesundheit der menschlichenNatur danken, dass dieser Anstoss in Folge der zunehmendenKraft der Gewöhnung zur Arbeit nicht grössere Störungen hervor-gebracht hat. Diese Reihe von Irrthümern hat sich vorzüglich inder späteren Gestaltung der revolutionären Bewegung entwickelt,allein ihre Quelle liegt in dem Protestantismus, der die Prinzipiender Moral verunstaltet hat.
Hume hat richtig bemerkt, dass die lutherische Ketzerei eineStütze in den Leidenschaften der Geistlichen, welche des priester-lichen Cölibats überdrüssig waren, und in der Begierde des Adelsgefunden habe, der nach den Gütern der Geistlichkeit verlangte-Auch musste wohl die immer tiefer sinkende Stellung der geist-lichen Gewalt in ihr die Kraft und den Willen entziehen, dieelementarsten Regeln der Moral aufrecht zu erhalten. Ich erwähnez. B. nur die wichtige Aenderung, welche der Protestantismus beider Ehe gebilligt hat, indem er die Scheidung gestattete, und dieBeschränkung auf die wichtigsten Fälle der Blutschande, die derKatholizismus so weislich verboten hatte und deren Aufhebungso viel zur Störung der heutigen Familie beigetragen hat. Ich erinnere als charakteristisch an die schmachvolle Berathung, wo di®Häupter der Reformation, Luther an deren Spitze, die Ehe va$zwei Frauen bei einem deutschen Fürsten genehmigt haben. Di®Nachgiebigkeit der Begründer der englischen Kirche gegen di egrausamen Schwächen ihres neuen nationalen Papstes vervollstäu'digen meine Bemerkungen.
Der Katholizismus hat trotz seiner politischen Schwächung