Band 
Zweiter Band.
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Fünfundfünfzigstes Kapitel.

Diderot’s durch seine Encyklopädie eine künstliche Vereinigung'für sehr auseinandergehende Anstrengungen eingerichtet hätte,ohne dass der einzelne Mitarbeiter seine Unabhängigkeit zu opfernbrauchte.

Das revolutionäre Werk der französischen Literaten im 18. Jahr-hundert hat keine Lehre eingeführt, von welcher im 17. Jahrhundertnicht bereits die philosophischen Grundlagen gelegt worden wären.Doch muss ich hier wegen seines sozialen Einflusses den Irrthumdes Helvetius über die Gleichheit der Geisteskräfte erwähnen.Dieser Trugschluss bezeichnete genau die damalige philosophischeLage und ging aus der metaphysischen Lehre über den mensch-lichen Verstand hervor, welche schon Locke, in Folge des Ein-flusses von Hobbes ausgesprochen hatte. Diese Lehre leitete alleFähigkeiten von der Thätigkeit der Sinne ab, deren Unterschiedebei den Einzelnen allerdings so wenig bedeutend sind, dass sie zukeiner erheblichen Ungleichheit der geistigen Anlagen führenkonnten und die kritische Lehre setzt die Gleichheit der Ver-standeskräfte voraus, da ohnedem weder das Prinzip der freienPrüfung, noch die Sätze von der sozialen Gleichheit und von derVolkssouveränität einer ernstlichen Erörterung gegenüber hättenbestehen können. Die übertriebene Wichtigkeit, welche diese Lehreder Erziehung und der Regierung für die willkürliche Umände-rung der Menschheit zutheilte, stimmte mit dem Geist der meta-physischen Politik, wonach die Gesellschaft nach dem Gefalleneines genügend mächtigen Gesetzgebers ohne Ende umgewandeltwerden kann.

Dies ist mein Urtheil über die Philosophie des 18. Jahrhunderts.Je mehr man die oberflächliche oder sophistische Natur der meistenAngriffe erwägt, die damals mit so viel Erfolg gegen die Grund-lagen der alten sozialen Verfassung unternommen wurden, destobesser erkennt man, dass ein solches Ergebniss hauptsächlich vonder Zeitgemässheit dieser Angriffe abgehangen hat. Eine solcheZeitgemässheit zeigt sich in der Neigung aller grossen Männerjener Zeit, die philosophische Bewegung zu begünstigen, wie diesd’Alembert, Montesquieu und Buffon bezeugen. Man kannkeinen bedeutenden Mann aus dieser Epoche nennen, der nicht ander Entwickelung der kritischen Lehre theilgenommen hätte. Dio