Zweites Luch.
Der Widerstand der nationalen Eigenart.
( 1809 — 1815 ).
t!?s war das Reich Karls des Großen, welches Napoleon erneuert hatte.Doch genügte es ihm? Mit jedem neuen Erfolge stellte immer deutlicherdie Idee einer europäischen Gesamtmonarchie seinem Geiste sich dar. Alleinzu einem einheitlich-festen Staatsbau ließ sich Europa nur durch die Ver-nichtung der historisch gewordenen Eigenart der Nationen zusammenfügen.So mußte Napoleon also jeder Schritt, den er auf der Bahn der Eroberungenüber die karolingischen Grenzen hinaus that, in Konflikt mit den Nationa-litäten bringen; denn nicht mehr gegen die Throne, sondern gegen die Eigen-art der Völker richteten sich seine Angriffe.
Ein neuer Gegner erwuchs damit dem Unbesiegten. Und er, der dieBenutzung materieller Kräfte wie kein anderer verstand, hatte von der Ge-walt sittlicher Ideen in der Menschenbrust keine Ahnung. Er hatte altver-wachsene Stämme zerschnitten, aus den Stücken lediglich nach der Landkarteneue Staaten gebildet, anderen andre Fürsten gegeben. Er ahnte nicht, daßeine Nation ein lebendiges Wesen ist, das die Abreißnng von Gliedern, Ein-griffe in seine Eigenart nur mit Schmerz erträgt und mit seiner ganzenLebenskraft sich anstrengt, seine Nationalität unversehrt wieder zu gewinnen,deren Wesen in der Gemeinehre und einem Schatze gemeinsamer Über-lieferungen, Anschauungen und Sitten besteht. Dabei ist es gleichgültig,ob, an sich betrachtet, die neuen Einrichtungen besser sind als die alten; siewerden als Gewaltakte empfunden, weil sie nicht national sind; denn aufden, Gefühle, nicht auf dem Verstände beruht ihrem Wesen nach die Na-tionalität, die in der nationalen Eigenart sich darstellt. Daher fehlte demberechnenden Verstandesmenschen auf Frankreichs Throne das Verständnisfür diese» neuen Gegner, der mit elementarer Kraft sich gegen ihn erhebensollte, als er, von innerem Zwange gedrängt, auch die Völker, welche inJahrhunderte langer Entwickelung zu Nationen geworden waren, mit Ge-waltthat und Unterjochung bedrohte. Zwar so lange sie vereinzelt ihmBolz. Deutsche Geschichte. >>