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Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert : vom Luneviller Frieden bis zum Tode Kaiser Wilhelms I. / Berthold Volz
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Der Norddeutsche Bund .

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Land war der Begehrlichkeit der Franzosen unzugänglich gemacht. Zugleichaber veröffentlichte Bismarck jetzt die Bündnisverträge, welche Preußen niitden süddeutschen Staaten für den Kriegsfall geschlossen hatte. So großeBefriedigung die bisher geheim gehaltenen Verträge in Deutschland erweckten,so großes Mißbehagen erregten sie in Frankreich . Alle Rechnung, welchesich Napoleon auf die Uneinigkeit Deutschlands , wohl gar auf eine Erneuerungdes Rheinbundes machen mochte, erwies sich Bismarcks Vorsicht gegenüberals nichtig. Selbst in Österreich rief die Veröffentlichung Verstimmunghervor, die Napoleon sofort durch eine persönliche Besprechung mit demKaiser Franz Joseph in Salzburg im August 1867 für Frankreich , freilicherfolglos, auszunutzen bestrebt war.

Nunmehr kehrte Napoleon zu seinen belgischen Plänen zurück. Esschien ziemlich harmlos, daß er nur eine Verschmelzung der belgischen undluxemburgischen Eisenbahnen mit der französischen Nordbahn anstrebte;aber selbst damit kam er so wenig zum Ziel, daß alles weitere unter-bleiben mußte.

Das Ziel, welches Napoleon in allem verfolgte, war: Triumph überPreußen! Konnte er den erlangen, so war die verletzte französische Eitel-keit beschwichtigt, die öffentliche Meinung, welche den Niedergang des fran­ zösischen Ansehens ihm schuld gab, mit seinem Regimente wieder ausgesöhnt.Darum versuchte er auf alle Weise es zu erreichen, daß Preußen durch dieZustimmung zu irgend einer Gebietsvergrößerung Frankreichs , zu einemGewinne ohne Einsatz, seine indirekte Anerkennung der Oberhoheit Frank­ reichs aussprechen, den Dank dafür, daß Frankreich es 1864 und 1866habe gewähren lassen, bekennen und dadurch den Franzosen Genüge thunsolle. Aber allzu schnell durchschaute Bismarck die Gedanken des Franzosen-kaisers, und mit voller Entschiedenheit widerstrebte König Wilhelm derleisesten Anerkennung französischen Übergewichtes. Darum eben war Preu--ßen beharrlich allen Vergrößerungsversuchen Frankreichs entgegengetreten.Aber doch war es dabei mit großer Vorsicht darauf bedacht, einen Bruchmit Frankreich zu vermeiden. Es beschränkte sich durchaus auf eine be-sonnene Abwehr der Zumutungen Napoleons und vermied alles, was imgeringsten den Charakter einer Provokation hätte annehmen können; bedurftedoch zu seinem inneren Ausbau der Norddeutsche Bund sicher des Friedens.Und so erfolgreich schien diese vorsichtige Politik sich zu bewähren, daß biszum Jahre 1870 überhaupt zwischen den beiden Mächten nicht die geringsteVerwickelung mehr bestand. Die meisten Minister verließen daher, als derSommer kam, Berlin und gingen auf Urlaub, und König Wilhelm begabsich, wie er pflegte, zur Badekur nach Ems. Aber in Frankreich war esanders beschlossen!