Frankreichs nimmer rastende Begehrlichkeit war eine Gefahr für ganzEuropa : jeden Augenblick ja konnte sie eine nur mit dem Schwerte zulösende Verwickelung heraufbeschwören. Es war im Grunde indessen nichtder Kaiser Napoleon , welcher sie hegte. Dieser war vielmehr eine phleg-matische Natur und liebte ein ruhiges Leben. Aber es war sein Verhäng-nis, daß er Kaiser der Franzosen geworden war.
Karl Ludwig Napoleon Bonaparte , geboren am 20. April 1808,war der jüngste Sohn von Ludwig Bonaparte, der eine Zeitlang König vonHolland zufolge der Bestimmung seines Bruders Napoleon gewesen war.Seine Jugendjahre, in welchen die geistige Eigenart sich auszubilden be-ginnt, fielen in die Zeit der Verbannung der Bonapartes nach dem Sturzedes ersten Napoleon . Der Knabe hatte sie unter dem unmittelbaren Ein-flüsse seiner Mutter Hortensia Beauharnais durchlebt, der er mit tiefsterNeigung sich hingab. Die warmherzige, von romantischen Ideen erfüllteFrau senkte in die zarte Knabenseele ihren Glauben an die Wiederher-stellung der Bonapartes ; sich selbst glaubte Prinz Ludwig mit unwandel-barer Sicherheit von dem Schicksal für den Thron seines Oheims bestimmt.Und wirklich erfüllte sich ihm trotz allem dieser Glaube. Nach mehrerenabenteuerlichen Versuchen sich der französischen Krone zu bemächtigen, warder von der französischen Republik 1848 zum Präsidenten erwählt, beseitigtedurch einen Gewaltstreich seine Gegner und machte sich dann auf Grundeiner Volksabstimmung zum Kaiser der Franzosen.
Klein und untersetzt von Gestalt mit scharf geschnittenem Profil, glichNapoleon III. in der äußeren Erscheinung bis auf das blonde Haar seinemcvrsischen Vater. Aber von der Mutter besaß er jene Zauberkraft, welchedie Menschen, mit denen er in Berührung kam, unwiderstehlich anzog undseinen Ansichten fügsam machte. Mit seinem in sich gekehrten, bedächtigenWesen machte er nicht den Eindruck eines Corsen, viel eher den eines