Gotisch? Skitlptur.
KUNST.
XIII. Jahrii. XXIX
kiinstler wurde schließlich der größte Baumeister, aus den Kunst-werken wurden Kunststücke, an die Stelle der Freude am Reichtumtrat das Raffinement, an die Stelle der liebevollen Detailbehandlungdie Kleinlichkeit.
Die Profanarchitektur entwickelte sich langsamer und bliebdeshalb auch länger auf der Höhe als die kirchliche. Die groß-artigsten gotischen Schlösser, der Palast der Päpste zu Avignon und das von Viollet-le-Duc mit geschmackvollstem Verständnis her-gestellte Schloß Pierrefonds gehören dem xiv. Jahrhundert an.Von den städtischen Palästen kann sich keiner mit dem erst Endedes xv. Jahrhunderts gegründeten herrlichen Palais de Juslice vonRouen messen. Die schönsten Privathäuser sind das Kötel JacquesC'ieur in ßourges (Detail im Trocadero ), und das zum Kunstge-werbemuseum umgewandelte Pariser Absteigequartier der Äbtevon Cluny.
llezeichne.t das xm. Jahrhundert den Höhepunkt der gotischenArchitektur in Frankreich , so ist es auch die erste Blütezeit derfranzösischen Plastik. „Die gotischen Künstler wären meiner Über-zeugung nach zur idealen Schönheit gelangt“, sagt der Marquis deLaborde, „ja auch zum kühnsten Studium des Nackten, wenn diesdas Streben ihrer Zeitgenossen gewesen wäre; allein mau wollte ty-pische Gestalten von ergreifender Wahrheit, einem leidenden undmystischen Ausdruck, gekleidet mit der klösterlichen Scheu derMode der Zeit.“ Es mag zuerst nicht ganz leicht sein, diese Werkezu verstehen, wenn man von den Skulpturen der Antike oder derRenaissance kommt. Aber man versenke sich nur recht in ihrenAnblick, dann fangen sie selbst an zu reden. Es sind im wahrstenSinne monumentale Figuren, diese Christusgestalten, Madonnenund Apostel mit dem überirdischen Ausdruck der Gesichter, deneinfachen und doch bedeutungsvollen Bewegungen, dem schlichtenWurf der Gewänder, die sich so wunderbar der Architektur an-«clmiiegen. Der Tod der Maria von Notre-Dame zu Paris , die Ge-stalten der Fassade von Chartres, der „schöne Gott“ von Amiens gehören zn den ergreifendsten Skulpturen aller Zeiten (Abgüsse imTrocadero). Aber es läßt sich denken, daß ein so strenges Stilgefühlsich nicht lange halten kann. Es wird entweder in leeres Formel-wesen verfallen oder von dem Drang nach Natürlichkeit siegreichdurchbrochen werden. Das Letztere trat hier ein. Die natura-listische 11 eaktion des xiv. Jahrhunderts übte auf die kirchlicheSkulptur einen zersetzenden Einfluß aus, kam aber dafür den Grab-denkmälern zu gute, wie wir in der Grnftkirche von St-Derds ver-folgen können. Doch ist es mindestens fraglich, ob die franzö-sischen Künstler aus eigenen Kräften die hohe Stufe erreicht hät-ten, auf der wir diese neue Richtung am Ende des xiv. Jahr-hunderts sehen. Das Heil kam aus dem Norden, demselben Norden,in dem kurze Zeit darauf die Maler van Eyck ihre Meisterwerke