XXX Xlll.-Xir. Jahrh.
KUNST.
Gotische Skulptur,
schufen. Eine Menge flandrischer Künstler arbeiteten damals amHofe der französischen Könige, Pepin aus Huy bei Lüttich , Beau-neveu aus Valenciennes, Po,ul aus Limburg, Jacquemart ausIlesdin. Der größte Ruhm aber knüpft sich an die burgundischeSchule und ihr Haupt Claux Sluter. Der Mosesbrunnen, die Sta-tuen von der Fassade der Kartause bei Dijon und das Grab Phi-lipps des Kühnen, die dieser im Verein mit seinen Schülern Jeande Marville und Claux de Werwe seit 1387, also mehr als einMenschenalter vor Donatello schufen, darf man külmlich nebendessen Werke stellen. Die berühmten, in Nachbildungen viel ver-breiteten Statuetten der „Pleureurs “ vom Grabe Philipps vergleicheman mit den großen Leidtragenden vom Grabe Philippe Pot’s imLouvre aus derselben Zeit, das man jetzt ebenso wie den wunder-vollen Altar von Aix dem Jacques Morel, dem mutmaßlichen Ur-heber der leider stark verstümmelten Grabstatuen Karls I. vonBourbon und seiner Gemahlin in Souvigtiy, zuschreiben will. (Gips-abgüsse fast aller dieser Werke im Trocadero, S. 202.)
Der ornamentalen Plastik gaben die Kathedralen, insbeson-dere die Chorschlüsse, natürlich die reichste Gelegenheit zur Entfal-tung. Ja in der Spätgotik, dem Flamboyant-Stil (xv. Jahrh.), über-wucherte und erstickte das Werk des Steinmetzen geradezu das desBaumeisters. Glänzende Werke aus dem Innern der Kirchen sind dieLettner von Troges und IAmoges und die Bibliothektreppe inRunen. Neben der Steinskulptur geht die Holzbildnerei her, diean den Holzfassaden der Privathäuser, an den Schränken undTruhen, vor allem aber an den Chorgestühlen zur herrlichsten Ent-faltung kam (Amiens ). Endlich hat auch die Elfenbeinplastik be-deutende Arbeiten aufzuweisen, so die Krönung Mariä im Louvre.
In eigentümlichem Gegensätze zu diesem Hochstand der Bau-kunst und der Skulptur steht die außerordentliche Armut, diegleichzeitig in der Malerei herrschte. Allerdings handelt es sichdabei nur um die Fresko- und Tafelmalerei. Während in Flandern die van Eyck, van der Weyden und Memling wirkten, in Italien dasQuattrocento diese Kunst von Stufe zu Stufe steigen sah, begegnenwir in Frankreich kaum ein paar Namen und fast noch wenigerWerken. Dagegen erreichte die seit langem geübte Miniaturmalereijetzt ihren Höhepunkt. Die Manuskripte, die der ebenso praelit-liebende wie grausame Herzog von Berry, der dritte Sohn Jo-hanns II., um 1400 für sich ausschmücken ließ, sind w'ahre Juwele.Das schönste unter ihnen ist unstreitig das Livre d’heures mitseinen Landschaften, seinen Schloßansichten, seinen Genrescenen,einer der köstlichsten Schätze des Museums von Chantilly . Aberauch hier waren „Franko vlaamen“ die Ausführenden, die schon ge-nannten Beauneveu, Jacquemart und Paul. Und eine glänzendeEntwicklung erlebte in der gotischen Periode auch die Glas-malerei. Das von allen Seiten durch die riesigen Fenster und die