Buch 
Paris nebst einigen Routen durch das nördliche Frankreich : Handbuch für Reisende / K. Baedeker
Entstehung
Seite
XXXI
JPEG-Download
 

Malerei <£• Kleinkunst.

KUNST.

xir.-xn. Jalirli. XXXI

aus (len alten Oculi entstandenen mächtigen Kosen einströmendeLicht mußte gedämpft, die Fenster selbst belebt werden. Die schön-sten Beispiele des xii. Jahrhunderts sind die Fenster der West-fassade von Chartres, des xm. die Kosen von Notre-Dame (Nord-portal), Reims, Bourges , Tours, die Fenster der Kathedralen vonBe Matts und Chartres und der köstlichen Ste-Cliapelle zu Paris .Der Zusammenhang mit der eigentlichen Malerei war allerdings nichtsehr eng, den Künstlern ist es viel mehr um die koloristische Ge-samtwirkung als um die Richtigkeit der Zeichnung und des Kolo-rits im einzelnen zu thun, es kam ihnen nicht darauf an, den Män-nern gelbe Haare und grüne Bärte zu geben. Je vollkommener dieMalerei in der späteren Zeit wurde, desto mehr ging der naiveFarbensinn verloren. Angewandte Malerei ist auch die Emaillier-kunst, die sich besonders in Limoges glänzend weiter entwickelte.I)as xii. und xm. Jahrhundert war die Blütezeit des Email champ-leve oder Grubenschmelz (d. h. der Künstler gräbt in die Metall-platte Vertiefungen und gießt in diese den Schmelz, ital. sinulto,l'ranz. email hinein), das xiv. und xv. die des transluciden Emails(der Schmelz wird so fein aufgetragen, daß die Gravierung der Plattedurchschimmert). Endlich gehört hierher die Teppichweberei,die im xv. Jahrhundert in Ar ras, Aubusson und Paris eine hoheVollkommenheit erreichte. Zu den schönsten Erzeugnissen der Zeitgehören die Teppiche des „Romans der Dame mit dem Einhorn“ imMusee de Cluny in Paris .

So großartig die Leistungen einiger Künstler in der erstenHälfte des xv. Jahrhunderts waren, so war (loch eine gewisse Ermat-tung eingetreten. Die Gotik setzte sich zwar, wie die Chorschlüssevon Amiens und Chartres , die Grosse Horloge in Rauen, die TourSt-Jacques und die Kirche St-Merri in Paris beweisen, bis insxvi. Jalu'hundert hinein fort, hatte siel! aber im großen und ganzendoch ausgelebt, und auch die franko-vlämisehe Kunst hatte in denWerken Sluters ihr letztes Wort gesprochen. Die „Abspannung desNaturalismus“, wie L. Conrajod sie nannte, erweckte die Sehnsuchtnach Schönheit und Adel der Form, und diese konnten nur aus demSüden kommen.

Um 1450 standen die größten Künstler bereits unter dein Ein-flüsse der italienischen Renaissance. Nordische und südlicheElemente vermischen sich seltsam bei dem bedeutendsten franzö-sischen Maler der Zeit, Jean Foucquet aus Tours (geh. 1415),der längere Zeit in Italien gelebt uud dort auch den Papst Eugen IV. gemalt hatte. Sein Livre d’heures des Estienne Chevalier in Chantillyist eine der köstlichsten Schöpfungen auf dem Gebiete der Miniatur-malerei ; als großartigen Porträtisten lassen ihn uns der Kanzler desUrsius und der König Karl VII . im Louvre erkennen. Auch seinejüngeren Zeitgenossen Jean Bourdiehon, von dem die berühmten