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Der Tod in Venedig : Novelle / von Thomas Mann
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zeug einer höhnischen Gottheit zum Abschied dieHand aufs Haupt legen, sich wegwenden und diesemSumpfe entfliehen. Aber er fühlte zugleich, daß erunendlich weit entfernt war, einen solchen Schrittim Ernste zu wollen. Er würde ihn zurückführen,würde ihn sich selber wiedergeben; aber wer außersich ist, verabscheut nichts mehr, als wieder in sich zugehen. Er erinnerte sich eines weißen Bauwerks,geschmückt mit abendlich gleißenden Inschriften, inderen durchscheinender Mystik das Auge seinesGeistes sich verloren hatte; jener seltsamen Wan*derergestalt sodann, die dem Alternden schweifendeJünglingssehnsucht ins Weite und Fremde erweckthatte; und der Gedanke an Heimkehr, an Besonnen-heit, Nüchternheit, Mühsal und Aleisterschaft widerteihn in solchem Maße, daß sein Gesicht sich zumAusdruck physischer Übelkeit verzerrte.Man sollschweigen! flüsterte er heftig. Und:Ich werdeschweigen! Das Bewußtsein seiner Mitwisserschaft,seiner Mitschuld berauschte ihn, wie geringe MengenWeines ein müdes Hirn berauschen. Das Bild derheimgesuchten und verwahrlosten Stadt, wüst seinemGeiste vorschwebend, entzündete in ihm Hoffnungen,unfaßbar, die Vernunft überschreitend und von un-geheuerlicher Süßigkeit. Was war ihm das zarte Glück,von dem er vorhin einen Augenblick geträumt, ver-

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