FÜNFTES KAPITEL
Jn der vierten Woche seines Aufenthalts auf dem
Lido machte Gustav von Aschenbach einige dieAußenwelt betreffende unheimliche Wahrnehmun-gen. Erstens schien es ihm, als ob bei steigenderJahreszeit die Frequenz seines Gasthofes eher ab- alszunähme, und insbesondere, als ob die deutscheSprache um ihn her versiege und verstumme, so daßbei Tisch und am Strand endlich nur noch fremdeLaute sein Ohr trafen. Eines Tages dann fing er beimCoiffeur, den er jetzt häufig besuchte, im Gesprächeein Wort auf, das ihn stutzig machte. Der Mannhatte einer deutschen Familie erwähnt, die soebennach kurzem Verweilen abgereist war, und setzteplaudernd und schmeichelnd hinzu: „Sie bleiben,mein Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Übel.“Aschenbach sah ihn an. „Dem Übel?“ wiederholteer. Der Schwätzer verstummte, tat beschäftigt,überhörte die Frage. Und als sie dringlichergestellt ward, erklärte er, er wisse von nichts
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