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Pariser Rechenschaft / von Thomas Mann
Entstehung
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UND NUN?

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Ach, Deutschland und Frankreich . Während ich dieBetrachtungen schrieb, hielt dieser junge Franzose,so erzählt er, unter den Truppen seines Landes dasab, was man damals drübendes Conferences moralesnannte. Der eine verteidigte dieKultur, der anderedieZivilisation. Und nun? Wenn ichKultur nichtals ein System von Phrasen gedeutet wissen wolle;wenn ich dafür hielte, sie sei eine Besitzergreifung desWirklichen durch Klarsicht und Einfühlung; wenn ichdie Humanität dort suchte, wo die Ideen bis ins ein-zelne durchsichtig sind; wenn ich leugnete, daß derGeist eine logische Form sei und daß er je durch großeRedensarten in Fesseln geschlagen werden könne; wennmein Sinn zugleich auf das Ewige und auf die Ver-nunft gerichtet sei; wenn ich im Menschen nicht nurein soziales oder nur ein mystisches Wesen sähe, nichtden Handwerker dialektischer und lebensfremder Kon-struktionen, sondern eine Persönlichkeit, ein ganzesBündel abgestufter Gefühle also, ein Gemisch von Ab-hängigkeit und Selbstbestimmung, und wenn ich end-lich glaubte, daß sein Rang einzig und allein durch dieHöhe seiner Seele bestimmt werde: so bitte er michdenn, nicht allzu sehr zu erstaunen, wenn er mir sage,daß dies ganz genau das sei, was er und die Seinen unterdem Namen der Zivilisation verstünden.

Wir haben das Unglück gehabt, sagt er,unserGewissen erforschen zu müssen in einem Augenblick,wo Geschichte mit den Kräften der Zerstörung ge-macht wurde. Die Mißverständnisse entstehen ausdem Geiste der Verneinung. Jedes geistige Systemhat seinen Schwerpunkt, und die Schwerpunkte deckensich nicht nur nicht von Volk zu Volk, sondern ich