TRÄUMEN WIR NICHT VON EWIGER HARMONIE! 45
Aber ganz sicher sind es gerade die wesentlichen Tugen-den Frankreichs und Deutschlands , die sich vereinigenlassen. Wenn die Musik das vollkommenste Symboltiefster Neigungen der Seele ist — in welchem frem-den Lande hat die deutsche Musik mehr Widerhallgefunden als bei uns? Träumen wir nicht von ewigerHarmonie, seien wir nicht Ideologen! Die Harmonieist nur ein elementares Stadium der Musik; sie selbstist etwas anderes und Größeres. Versuchen wir einmusikalisches Reich des Lebens, des abendländischenLebens zum mindesten, zu errichten! Verbinden wirden Sinn für das Individuelle mit dem für die Not-wendigkeit höherer Ordnungen! Vielleicht gelangen wirdazu, die Kräfte des Lebens und die Gaben der Klar-heit, die unser sind, im selben Zeichen zu vereinen,eine Nachbarschaft zu suchen, die bereichert, eineGegensätzlichkeit, die bestätigt und erhöht, — den Ein-klang von Freiheit und Abhängigkeit. Ist es nicht dies,was wir beide wahrhaft menschliche Kultur nennen?Ihre Anwesenheit hilft uns, ihre Verwirklichung zu er-hoffen.“
Anhaltender Beifall. Es ist Charles du Bos , der nundas Wort hat, am rechten Flügel unserer Front, mitseinem schwarzen, bauschigen Franzosenschnurrbart,seinem schweren, rasierten Kinn und seinen gefühl-vollen dunklen Augen, die oft, etwa beim Händedruck,mit einer gewissen Inbrunst von unten blicken. SeineRede hat etwas Gehobenes, Musikalisch-Pathetisches,etwas fast Priesterliches. Ich glaube, daß dieser Mannfromm ist, zum geistigen Katholisieren neigt. Soebenlas ich von ihm in der „N. R. Fran9aise“ eine Studieüber Rivi^re, die „Sur l’humilite feconde“ betitelt war