Buch 
Pariser Rechenschaft / von Thomas Mann
Entstehung
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HIER EMPFINDE ICH SYMPATHIE

zutunlich, herzensgut,mähnschlich. Ja, da war aufeinmal russische Atmosphäre in diesen paar menschen-vollen Räumen, dem Arbeits- und Wohnzimmer,eine Stimmung, large, kindlich und von großartigerGutmütigkeit, vergleichsweise nicht ohne einen kleinenEinschlag von Wildheit, mit starkem Tee und Papyros.Der erste, mit dem ich bekannt gemacht wurde, warIwan Bunin , mit dem ich brieflich schon in Kontakt ge-standen hatte, der Meister desHerrn aus San Fran-zisko, einer Erzählung, die an moralischer Wucht undaufwandloser Plastizität einigen stärksten Dingen vonTolstoi , demPolikuschka, demTod des IwanIljitsch, an die Seite zu stellen ist. Die Geschichte istnun wohl in alle Sprachen übersetzt. Sie steht auf fran-zösisch in voller Greifbarkeit da, wie auch der furchtbartriste BauernromanLe village. Bunin sieht aus, wieich ihn mir, glaube ich, vorgestellt hatte: Mittelgroß,rasiert, scharfzügig, scheint er eher in sich gekehrt alsgesprächig. Es versteht sich, daß er von Komplimentenüber denHerrn aus San Franzisko genug hat. Lieberwollte er etwas überMitjas Liebe hören, und wahr-haftig brauchte ich mich zur Bewunderung auch dieserEindringlichkeit nicht zu zwingen, denn auch aus ihrwirkt die unvergleichliche epische Überlieferung undKultur seines Landes mit welcher man heute dort einKonterrevolutionär, bourgeois, widerproletarisch, poli-tisch verbrecherisch ist und landflüchtig werden muß,wenn man davonkommt. Hier empfinde ich Sympathie,Solidarität, eine Art von Eventualkameradschaft;denn wir sind in Deutschland ja noch nicht so weit, daßein Schriftsteller vom ungefähren Charakter Bunins denStaub des Vaterlandes von den Füßen schütteln und das