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HIER EMPFINDE ICH SYMPATHIE
zutunlich, herzensgut, „mähnschlich“. Ja, da war aufeinmal russische Atmosphäre in diesen paar menschen-vollen Räumen, dem Arbeits- und Wohnzimmer, —eine Stimmung, large, kindlich und von großartigerGutmütigkeit, vergleichsweise nicht ohne einen kleinenEinschlag von Wildheit, mit starkem Tee und Papyros.Der erste, mit dem ich bekannt gemacht wurde, warIwan Bunin , mit dem ich brieflich schon in Kontakt ge-standen hatte, der Meister des „Herrn aus San Fran-zisko“, einer Erzählung, die an moralischer Wucht undaufwandloser Plastizität einigen stärksten Dingen vonTolstoi , dem „Polikuschka“, dem „Tod des IwanIljitsch“, an die Seite zu stellen ist. Die Geschichte istnun wohl in alle Sprachen übersetzt. Sie steht auf fran-zösisch in voller Greifbarkeit da, wie auch der furchtbartriste Bauernroman „Le village“. Bunin sieht aus, wieich ihn mir, glaube ich, vorgestellt hatte: Mittelgroß,rasiert, scharfzügig, scheint er eher in sich gekehrt alsgesprächig. Es versteht sich, daß er von Komplimentenüber den „Herrn aus San Franzisko“ genug hat. Lieberwollte er etwas über „Mitjas Liebe“ hören, und wahr-haftig brauchte ich mich zur Bewunderung auch dieserEindringlichkeit nicht zu zwingen, denn auch aus ihrwirkt die unvergleichliche epische Überlieferung undKultur seines Landes — mit welcher man heute dort einKonterrevolutionär, bourgeois, widerproletarisch, poli-tisch verbrecherisch ist und landflüchtig werden muß,wenn man davonkommt. Hier empfinde ich Sympathie,Solidarität, — eine Art von Eventualkameradschaft;denn wir sind in Deutschland ja noch nicht so weit, daßein Schriftsteller vom ungefähren Charakter Bunins denStaub des Vaterlandes von den Füßen schütteln und das