ES GAB GROSSEN TEE-EMPFANG 83
literarische Überlieferung des Hauses sowie ein näheresVerhältnis zu Deutschland erklärt. Der Graf ist einbrünetter, sympathisch-müder Typ von sanfter Cour-toisie; die Gräfin blond, stutznäsig, reizvoll-süffisant.Bei Tische saß ich zwischen ihr und Muret, einemfeinen Schauspielerkopf, dessen ausgesuchte Höflich-keit einige Zurückhaltung zu wahren schien. Währenddes Krieges war er, sonst erklärter Freund meiner Schrif-ten, sehr schlecht auf mich zu sprechen und wird mirdie „Betrachtungen eines Unpolitischen“ wohl nie ganzverzeihen. Auch sein Begrüßungsartikel im „Journal des Debats “, eben jetzt, hatte der ironischen Spitzenicht ganz entbehrt, doch hielten wir während derMahlzeit freundliche Nachbarschaft. — Beim KaffeeSondergespräch mit Lichtenberger über Nietzsche unddes Professors schönes, sowohl gelehrtes als intimesNovalisbuch, an dessen Ende der Name Richard Wag ners steht. Ich empfand, nicht zum erstenmal, daß durchein gewisses brennendes und persönliches Interesse fürdie Psychologie der Romantik der Deutsche mit demgeistigen Franzosen von heute am tiefsten und an-gelegentlichsten zusammengeführt wird. — Fesselndder Blick vom Balkon auf die dix-huitieme-Architekturund in die Höfe des Faubourg.
Auch Nachmittag und Abend waren wohlbesetzt.Es gab großen Tee-Empfang in der neueröffneten Ab-teilung der Societe des Nations , dem „Institut Inter-national de Cooperation Intellectuelle“, an dessen SpitzeProfessor Luchaire und Dr. Robert Eisler stehen. DasInstitut domiziliert im Palais Royal , neben der Comedie ,in fürstlichen alten Räumen. Vertreter von mehr alszwanzig Nationen gehören ihm an, das Gewimmel war
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