Buch 
Pariser Rechenschaft / von Thomas Mann
Entstehung
Seite
86
JPEG-Download
 

86

ES IST EINE HERRLICHE BÜCHEREI ländisch

langsames und weises Auge. Dieser Mann istvielleicht der größte Polyhistor der Gegenwart. Er istvor allem aber man weiß nicht sicher, was er vor allemist Mytholog, Religionshistoriker, Erforscher primi-tiver menschlicher Vorwelt. Man findet sein vier-bändiges Werk,Cultes, Mythes et Religions wieder-holt zitiert bei Siegmund Freud, der in seiner SchriftüberTotem und Tabu einenCode dutotemisme wiedergibt, den Reinach eines Tages in^der Revuescientifique entworfen hat. Er hat jedoch auch eineHistoire generale des Arts geschrieben und bekleidetin Paris ein Konservatorenamt. Als Linguist und Agregdde grammaire gibt er sich populär und menschenfreund-lich. Die Librairie Hachette enthält reizende Büchervon ihm:Le grec sans larmes,Le latin sans pleurs,Le fran?ais sans peine, worin er brieflich, plauder-haft und spielend in diese Sprachen einführt. SeinerKritik des Sprachunterrichts an den Mittelschulen hörteich mit Vergnügen zu. Der Grundgelehrte findet ihnviel zu gelehrt; er möchte die Philologen dahin ver-weisen, wohin sie seiner Meinung nach gehören, an dieUniversitäten.

Seine Bücherei ist enorm. Ich durfte mich umsehendarin: Sie bedeckt nicht nur die Wände seines großenArbeitszimmers und eines weiteren Salons, sondern füllt,auf schmucklosen Metallgestellen gereiht, wie in öffent-lichen Bibliotheken, noch den ganzen Wand- und Innen-raum eines dritten Zimmers. Es ist eine herrlicheBücherei, gelehrt wohl, aber nicht abschreckend und ent-mutigend, sondern ganz zugänglich und freundlich,nämlich human. Sie handelt vom Menschen und vonnichts anderem, von den Geschichten und Schicksalen