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langsames und weises Auge. Dieser Mann istvielleicht der größte Polyhistor der Gegenwart. Er istvor allem — aber man weiß nicht sicher, was er vor allemist — Mytholog, Religionshistoriker, Erforscher primi-tiver menschlicher Vorwelt. Man findet sein vier-bändiges Werk, „Cultes, Mythes et Religions“ wieder-holt zitiert bei Siegmund Freud, der in seiner Schriftüber „Totem und Tabu “ einen „Code du”totemisme “wiedergibt, den Reinach eines Tages in^der Revuescientifique entworfen hat. Er hat jedoch auch eine„Histoire generale des Arts“ geschrieben und bekleidetin Paris ein Konservatorenamt. Als Linguist und Agregdde grammaire gibt er sich populär und menschenfreund-lich. Die Librairie Hachette enthält reizende Büchervon ihm: „Le grec sans larmes“, „Le latin sans pleurs“,„Le fran?ais sans peine“, worin er brieflich, plauder-haft und spielend in diese Sprachen einführt. SeinerKritik des Sprachunterrichts an den Mittelschulen hörteich mit Vergnügen zu. Der Grundgelehrte findet ihnviel zu gelehrt; er möchte die Philologen dahin ver-weisen, wohin sie seiner Meinung nach gehören, an dieUniversitäten.
Seine Bücherei ist enorm. Ich durfte mich umsehendarin: Sie bedeckt nicht nur die Wände seines großenArbeitszimmers und eines weiteren Salons, sondern füllt,auf schmucklosen Metallgestellen gereiht, wie in öffent-lichen Bibliotheken, noch den ganzen Wand- und Innen-raum eines dritten Zimmers. Es ist eine herrlicheBücherei, gelehrt wohl, aber nicht abschreckend und ent-mutigend, sondern ganz zugänglich und freundlich,nämlich human. Sie handelt vom Menschen und vonnichts anderem, von den Geschichten und Schicksalen