Buch 
Pariser Rechenschaft / von Thomas Mann
Entstehung
Seite
119
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ABER WAS ISTSTOFF "!

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jedenfalls, die man dem religiösen Genie Rußlands ver-dankt. Er ist nicht glücklich in Paris . Er lebe in einerWüste, sagt er, und klagt über die Teilnahmslosigkeitder französischen literarischen Welt, die er ganz gegenmeine Erfahrung für nationalistisch erklärt. Die fremdeSprache beengt ihn. Sie drücke das Ausdrucksniveau ineiner Weise, daß man sich beständig wie ein Idiot vor-komme. Unsere Unterhaltung geht, mit Hindernissen,deutsch und französisch durcheinander, ist eine ge-hemmte Andeutung dessen, was wir einander sagenmöchten, ein kosmopolitischer Notbehelf, der ihn dochamüsiert. Es ist von seinem Tut-ench-Amon-Romandie Rede, nach dessen literarischen Lebensmöglichkeitenin Amerika er sich bei Dr. Lewisohn erkundigt und vondem ich hier und jetzt zum ersten Male höre, nichtohne Schrecken, denn ich habe einigermaßen verwandteTräume zu gestehen und der Amerikaner merkwürdiger-weise auch. Mereschkowski ermutigt uns und will vonResignation nichts wissen. Das sei der Geist, sagt er,der allgegenwärtige, der an entlegensten Punkten dasgleiche wecke. Eine schöne Idee, die in aller indivi-duellen Vereinzelung die Einheit und Kameradschaft desZeitgenössischen empfinden läßt. Übrigens habe ichnie gefürchtet, daß irgend jemand, und sei er der Über-ragendste, mich durch die promptere Behandlung einesmir angelegenenStoffes matt setzen könnte. Hätteich es zu fürchten, meine Langsamkeit würde zur Dauer-katastrophe. Aber was istStoff! Das Persönlicheist alles. Der Stoff ist nur durch das Persönliche. Undmeine allzu subjektive Art stellt mich wenigstens sichergegen jede ernstliche Kollision mit Gleichzeitigem undschneller Fertigem.