Band 
Erster Band.
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eS bedarf nicht zu feiner Vollständigkeit der Aufzählungaller LebenSgcstalten, aller Naturdingc und Naturproccffe.Der Tendenz endloser Zersplitterung des Erkannten undGesammelten widerstrebend, soll der ordnende Denker trachten,der Gefahr der empirischen Fülle zu entgehen. Ein ansehn-licher Theil der qualitativen Kräfte der Materie oder, umnaturphilvsophischer zu reden, ihrer qualitativen Kraft-äußerungen ist gewiß noch unentdcckt. DaS Auffinden derEinheit in der Totalität bleibt daher schon deshalb unvoll-ständig. Neben der Freude an der errungenen Erkenntnißliegt, wie mit Wehmuth gemischt, in dem aufstrebenden,von der Gegenwart unbefriedigten Geiste die Sehnsucht nachnoch nicht aufgeschlossenen, unbekannten Regionen desWissens. Eine solche Sehnsucht knüpft fester daö Band,welches, nach alten, das Innerste der Gedankenwelt beherr-schenden Gesetzen, alles Sinnliche an das Unsinnlichc kettet;sie belebt den Verkehr zwischen dem,waS daS Gemüthvon der Welt erfaßt, und dem, waS es auS feinen Tiefenzurückgiebt".

Ist demnach die Natur (Inbegriff der Naturdinge undNaturerscheinungen), ihrem Umfang und Inhalte nach,ein Unendliches, so ist sie auch für die intellectuellen Anlagender Menschheit ein nicht zu fassendes, und in allgemeinerursächlicher Erkenntniß von dem Zusammenwirken allerKräfte ein unauflösbares Problem. Ein solches Bekenntnißgeziemt da, wo das Sein und Werden nur der unmittel-baren Forschung unterworfen bleibt, wo man den empi-rischen Weg und eine strenge inductorische Methode nichtzu verlassen wagt. Wenn aber auch daS ewige Streben,vie Totalität zu umfassen, unbefriedigt bleibt, so lehrt uns

?I. v. Humboldt . Kosmos. 6