Band 
Zweiter Band.
Seite
9
JPEG-Download
 

9

Ist, wie so eben bemerkt, Naturbeschreibung, sei sieDarstellung deS Reichthums und der Ueppigkeit tropischerVegetation, sei sie lebensfrische Schilderung der Sitten derThiere, gleichsam nur in der neuesten Zeit ein abgesonderterZweig der Litteratur geworden: so ist eS nicht als habeda, wo so viel Sinnlichkeit athmet, die Empfänglichkeit fürdas Naturschöne gemangelt;' als müsse man da, wo dieschaffende Kraft der Hellenen in der Poesie und der bil-denden Kunst unnachahmliche Meisterwerke erzeugte, denlebenSfrischen Ausdruck einer anschauenden Dichternaturvermissen. Was wir, nach dieser Richtung hin, im Gefühlunserer modernen Sinnesart, in jenen Regionen der an-tiken Welt nur zu sparsam auffinden, bezeugt in seinerNegation weniger den Mangel der Empfänglichkeit als deneines regen Bedürfnisses das Gefühl deS Naturschönendurch Worte zu offenbaren. Minder der unbelebten Er-scheinungöwelt als dem handelnden Leben und der inneren,spontaneen Anregung der Gefühle zugewandt, waren diefrühesten und auch die edelsten Richtungen des dichterische»Geistes episch und lyrisch. In diesen Kunstformen aberkönnen Naturschilderungen sich nur wie zufällig beigemischtfinden. Sie erscheinen nicht als gesonderte Erzeugnisse derPhantasie. Je mehr der Einfluß der alten Welt verhallte,je mehr ihre Blüthen dahinwelkten, ergoß sich die Rbelvrikin die beschreibende wie in die belehrende, didactische Poesie.Diese war ernst, großartig und schmucklos in ihrer ältestenphilosophischen, halb priesterlichen Form, als Naturgedichtdeö Empedocles; sie verlor allmälig durch die Rhetorik vonihrer Einfachheit und früheren Würde.

Möge es uns erlaubt sein, um das allgemein Gesagte