Buch 
Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
Entstehung
Seite
237
JPEG-Download
 

Die Satyrfamilie.

23 7

eine Nachbildung diefer Darftellung, welche uns den Zufammenhangder Stiche von ßarbari und Dürer mit jener Stelle bei Lucian dochnoch vermittelt. Der grofse Florentiner Sandro Botticelli , der flehzuerft an die Ausführung profaner und mythologifcher Stoffe in Ge-mälden wagte, hat nämlich auch die Centaurenfamilie des Zeuxisnachzufchaffen verfucht. Und zwar befindet fich die Compofition alsZierwerk auf feinem berühmten Bilde der »Verläumdung« in denUffizien zu Florenz J ). Auch der Hauptgegenftand diefes Gemäldesift einer Schilderung Lucians von einem Bilde des Apelles entnommen.Daneben ift dasfelbe mit einer edlen Renaiffance-Architektur und mitreichen Ornamenten gefchmückt. Auf dem Sockel des Richterftuhleserfcheint, als Relief grau in grau gemalt und mit Gold aufgehöht, dieCentaurenfamilie des Zeuxis, fo wie fie Lucian befchreibt; nur darinweicht Botticellis Darftellung ab, dafs das Centaurenweib drei Junge,ftatt zwei, um fich hat und dafs diefe nicht wie die Eltern mit Pferde-leibern, fondern blofs mit Bocksbeinen gebildet find. Wir fehen hierfomit fchon einen Uebergang zu jener anderen Auffaffung, und es iftdaher wohl auch denkbar, dafs die Vermenfchlichung des Weibes unddas Muficieren des Vaters bei Dürer und Barbari nur weitere Ab-wandlungen des urfprünglichen Vorwurfes find 1 2 ).

Das ift es ja, was die Ausdeutung mancher frühen KupferfticheDürers fo fehr erfchwert. Wir wiffen nicht, auf welchen Wegen dieneuen, fremdartigen Vorftellungen an den Künftler gelangten undwelche Veränderungen fie auf diefem Wege erlitten. Leichter wirdes uns fein, bis wir einmal auch in der gelehrten Literatur der Zeitbeffer Befcheid wiffen, obwohl auch dann der Uebergang vom knappenWorte zur bildlichen Darftellung ein fchwer berechenbarer bleibt.Bei dem Mangel jeglicher Anfchauung können wir uns die anfäng-liche Unbeholfenheit der altdeutfchen Meifter gegenüber antiken undmythologifchen Stoffen nicht grofs genug denken; daher wir auch diebetreffenden Compofitionen kaum als jenem Gebiete angehörig er-kennen, gefchweige denn, dafs wir den einzelnen Gegenftand mit Be-ftimmtheit bezeichnen könnten. So zweifle ich denn gar nicht, dafszwei andere Kupferftiche des Jahres 1505, genannt »das grofse« und»das kleine Pferd« (B. 97 u. 96) eine mythologifche Bedeutung haben

1) Katalog Nr. 1182. Wir kommen auf |das Gemälde weiter unten, wo von denEntwürfen Dürers für den Rathliausfaal dieRede ift, nochmals zurück.

2) Die Figuren des Dürerfchen Rüdeshat einer feiner Schüler oder Nachfolger

als Zierbilder in ein Ornament von Wein-ranken gefügt, das fortlaufend ein Teppich-mufter bildet. Der grofse Holzfchnitt, Dü-rers Tapete genannt, ift befchrieben beiHeller 2104, Paftavant 206, Retberg A. 68.