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X. Der Wettftreit mit Jacopo dei Barbari.
man etwas Gutes in gleicher Weife, wie der Honig aus viel Blumenzufammengetragen wird« ; ohne dafs er darum in jenen kraffen Eklekti-cismus verfällt, wie man ihn Zeuxis zugefchrieben hat. Wenn er indiefen Dingen von Jacopo de’ Barbaris Beifpiel ausgegangen war, foentfernte er fich im Mifstrauen gegen deffen vermeintlichen Kanonzufehends von demfelben. Die »grofse Fortuna« berührt gewiffer-mafsen die äufserfte Grenze des Gegenfatzes zur Theorie des Vene-tianers. Wohl fuchte er nun felbftändig die Gefetze des menfchlichenWachsthums zu ergründen. Er that es aber nur in fortwährendeminnigen Anfchluffe an die Natur, und es klingt wie eine verfpätetePolemik gegen Barbari, wenn er in einer älteren Auffchreibung zufeiner Proportionslehre fagt: »Aber Etliche find anderer Meinung;reden davon, wie die Menfchen fein follten. Darüber will ich mitihnen nicht flreiten. Ich aber halte darin die Natur für Meifter undder Menfchen Wahn für Irrfal. Der Schöpfer hat einmal die Menfchengemacht, wie fie fein müffen, und ich glaube, dafs die rechte Wohl-geftalt und Hübfchheit unter dem Haufen aller Menfchen begriffenfei. Wer das Rechte herausziehen kann, dem will ich mehr folgenals dem, der eine neu erdichtete Mafs machen will, deren die Men-fchen kein Theil gehabt haben« !). Damit ift die Grenzfcheide ange-deutet, an welcher der deutfche und der italienifche Meifter aufhörtenfich zu verftelien. Auch Raphael fchreibt in feinem Briefe an denGrafen Baldaffare Caftiglione bezüglich feiner Galatea, »dafs er umeine Schönheit zu malen, deren mehrere fehen müfste« 1 2 ). In Er-mangelung deffen weifs er aber einen Ausweg, er bedient fich aufgut Glück »einer gewiffen Idee«, er ahnt, ohne es zu wiffen, dafs fiedie künftlerifchen Vorzüge befitze, um die er fich bemüht 3 ). Aufdiefem Fluge vermag der deutfche Realift dem Italiener nicht zufolgen. Nur mit Hülfe des Wiffens, der Erkenntnifs glaubt Dürer fich über die Natur erheben zu können. Ihm würde leicht auch Ra-phaels »certa idea« als eine »neu erdichtete Mafs« erfchienen fein.
Mühfelig war die Bahn der Forfchung, der Vertiefung in die Natur,welche Dürer einfehlug. Ob fie ein Umweg war, ob ein Irrweg —ihre Wahl war in feinem Wefen, in den Verhältniffen, aus denen erherauswuchs, tief begründet. Trotz allen Hinderniffen hat er feineeigenthümliche Richtung fortan unbeirrt verfolgt; Grofses hat er dabei
1) Zahn, Dürerhandfchriften des Brit.Mus. Jahrb. f. K. I. 8.
2) Bottari, Raccolta di Lettere, I. 116,Paffavant, Raphael, I. 533: »che perdepingere
una bella, mi bisogneria veder piü belle.«
3) »Ma essendo carestia e di buoni giu-dici, e di belle donne, io mi servo di certa‘ idea, che mi viene nella mente. Se questaha in se alcuna eccellenza d’arte, io non so;ben m’afiatico d’averla«.