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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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XI. Der zweite Aufenthalt in Venedig .

fchaft Dürers mit dem greifen Giovanni Bellini ift ja eine der anmu-thigften Epifoden in feiner Künftlerlaufbahn. Es heifst nun, Bellinihabe während eines Befuches bei Dürer , fich als befonderes Liebes-zeichen einen jener Pinfel erbeten, mit denen er die Haare zu malenpflege. Dürer reichte ihm eine Anzahl gewöhnlicher Pinfel hin, ermöge wählen oder fie alle nehmen. Bellini meint nun nicht recht ver-flanden worden zu fein und fordert aufs Neue einen Pinfel jener, wieer glaubt, ganz befonderen Art, deren fleh Dürer zu feiner feinenHaarzeichnung bediene; worauf ihn diefer erft verflehert, dafs er mitkeinen anderen, als den gewöhnlichen Pinfein fein Haar male. Undzum Beweife dafür führt er gleich vor feinen Augen eine Lockelangen Frauenhaares in feiner Art aus. Bellini foll nachher Vielengeftanden haben, er hätte einem Anderen nie geglaubt, was er da miteigenen Augen fah. Es ift dies eine ächt Dürer fche Wendung undDürer war auch ganz der Mann, fo etwas gerne weiterzuerzählen. DafsGiovanni fleh damals mit Dürer befreundete und ihn auch besuchte,berichtet diefer ja bereits in feinem zweiten Briefe an Pirkheimer vom7. P'cbruar 1506. Bei den nahen Beziehungen, in denen die BrüderBellini zum Fondaco de Tedeschi ftanden, ift das auch leicht erklär-lich. Gentile bekleidete ein Mäkleramt im Fondaco, und dem jüngerenGiovanni war bereits feit 1479 die Anwartfchaft darauf nebft Warte-geld verliehen ; vielleicht vertrat er auch bereits den älteren Bruder, derfchon im folgenden Jahre verftarb. Eine folche »Senferia« im DeutfchenKaufhaufe war fehr einträglich; fie warf jährlich an 300 Scudi ab. DieSignoria pflegte ein folches Amt ftets dem erften Maler der Stadt zuverleihen, der dafür die Verpflichtung hatte, das Bildnifs der neuge-wählten Dogen gegen die mäfsige Entlohnung von 8 Scudi für denPalaft von S. Marco zu malen. Auch Tizian befand fleh nachmalswohl bei diefem Amte. Er bewarb fich darum 1513 und erhielt am6. December 1516 nach dem Tode Giovanni Bellinis deffen Porten ').So mufste denn Dürer gleich nach feiner Ankunft die BekanntfchaftGiovannis machen, von dem er im Gegenfatze zu jenen Tadlern, dieihn doch fo fleifsig copierten, fagt: »Aber Giambellin, der hat michvor vielen Edelleuten gar fehr gelobt. Er wollte gerne etwas vonmir haben und ift felber zu mir gekommen und hat mich gebeten jich folle ihm etwas machen, er wolle es gut bezahlen. Und die Leutefagen mir alle, was er für ein rechtfchaffener Mann fei, dafs ich ihmgleich günftig bin. Er ift fehr alt und ift noch immer der befte inder Malerei«. Sollte am Ende gar jener Jefus unter den Schrift-

1) Vafari, ed. Lern. XIII. 22, 23.