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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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315
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Architektur.

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im Jahre 1508 die Vertrautheit mit den Bauformen der Renaiffancegediehen war. Die Ueberzeugung von deren Berechtigung war fchonviel früher in ihm lebendig, und er verfuchte wenigflens in dem archi-tektonifchen Beiwerk feiner Compofitionen derfelben Ausdruck zugeben. Anfänge davon zeigt ja fchon das Marienleben und die grünePaffion von 1504, z. B. die canellierte Säule auf der Geifselung, beider ihm die korinthifche Ordnung dunkel vorgefchwebt haben mochte.Doch erft der zweite Aufenthalt in Venedig mag Dürers Verfländnifsund Vorliebe für die neuen, claffifchen Bauformen wefentlich geförderthaben. Denn fo felbftbewufst und zähe Dürer malerifchen Vorbilderngegenüberfteht, um fo gelehriger verhält er fich zu Werken der tek-tonifchen und plaflifchen Kunft, deren Ebenmafs, auf eine Summeüberlieferter Kenntniffe geflützt, fich auch mit Verfland, Erfahrungund Zollflab begründen läfst. Viele gute Mufter »antikifcher« Baukunltbot freilich das damalige Venedig noch nicht dar. Doch fehen wirdie von lombardifchen Bildhauern eingebürgerten Zierformen mächtigin Dürer nachwirken. Von Zeichnungen ift hier namentlich eineheilige Familie von 150g im Mufeum zu Bafel zu erwähnen. Mit derFeder entworfen und coloriert, zeigt fie das Innere einer herrlichen,luftigen Halle mit einem, von Säulen getragenen, caffettierten Tonnen-gewölbe). Eine fehr figurenreiche Ausführung Chrifti zur Kreuzigungin der Albertina, ungemein flüchtig und genial mit der Feder hinge-worfen, mit reizenden Renaiffancemotiven, darunter ein kleines Portalmit Giebelfturz und fich verjüngende Säulen von auffallend vorge-fchrittenem Charakter, dürfte aus dem Jahre 1511 flammen. In Er-mangelung dauernder Anfchauung von guten Müllern gerieth Dürerfreilich bald wieder in realiftifche Willkür. Das Renaiffancekorn ver-wilderte fozufagen wieder in dem nordifchen Klima. Wir erfehen diesaus dem grandiofen Holzfchnitte, der Ehrenpforte Kaifer Maximiliansvon 1515 und noch mehr aus den Compofitionsproben, die Dürer infeiner »Unterweifung der Meffung« 1525 veröffentlichte. Wie weit erfich durch das malerifche Ueberwuchern von Naturdetail von denForderungen des antiken Stiles entfernte, fcheint Dürer gar nicht ge-ahnt zu haben. Er erwartete alles von der Einhaltung der richtigenVerhältniffe, und unermüdlich forfchte er nach den theoretifchen Vor-fchriften der Alten. Sich von ihnen zu entfernen oder mit ihnen inWiderfpruch zu treten, lag ficher entfernt nicht in feiner Abficht.Eine Unterfuchung der Proportionen von antiken Säulen und Inter-

1) Eine Copie darnach, mit Feder in | und mit Gold aufgehöht, befitzt das konigl,Tufche gezeichnet auf braunem Grunde 1 Kupferftichcabinet zu Dresden .