Das Diptychon von 1510.
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weinten. Ein drittes Feld ganz unten bildet eine Art Predella oderBafement. Darin fleht man beiderfeits geflügelte Engelkinder, dieauf Delphinen reitend je eine Tafel an Ringen emporhalten mit derInfchrift: ALBERT VS DVRER NORENBERGEN SIS FACIEBATPOST VIRGINIS PARTVM 1510 und dem Monogramme.
Schon diefe auffällige Art der Bezeichnung, wie fle fleh nur aufden gröfsten Gemälden findet, deutet an, dafs der Meifter auf diefeskleine Diptychon einigen Werth gelegt hat. Dem entfpricht auch derVorbedacht, mit dem er an die Arbeit gieng. Die geiftreiche Skizzezur Philifterfchlacht, mit der Feder auf weifses Papier entworfen, be-findet fich in der Ambrofiana in Mailand . Ein weiteres Stadium derCompofition zeigt eine Pinfelzeichnung auf grün grundiertem Papierim Beuth-Schinkelmufeum zu Berlin . Sie kommt dem vollendetenganzen linken Flügel bereits nahe, entfpricht ihm auch in der Gröfse.Nur fleht man in der mittleren Abtheilung, einer niedrigen Staffel,die Quere einen Mann hingeftreckt, ganz eingehüllt, die Arme ge-kreuzt, die Füfse etwas über einander gelegt, das Haupt mit ge-fchloffenen Augen zur Seite geneigt, der Mund offen wie bei tiefemSchlafe nach übermäfsiger Anftrengung. Dürer fcheint dabei an denfchlafenden Simfon gedacht zu haben. Damit ftimrnt eine ganz rei-zende, leichte Federfkizze in der Sammlung Hausmanns zu dem an-deren rechten Flügel des Diptychons; dort fleht man an gleicher Stellein einem Sarge eine Leiche liegen, welche, unmittelbar unter derAuferftehung, wohl nur die Leiche Chrifti bedeuten konnte. Dürer hat bei der Ausführung diefe Zuthaten klüglich fallen laffen. Undwelch’ eine Ausführung ift das! Es ift das Feinfte und Vollendetfte,was Dürer in linearer Zeichnungsart gemacht hat. Die Umriffe undSchraffierungen find fchwarz und weifs auf violettgrauem Grunde mitfolcher Zartheit und Beftimmtheit gezogen, dafs felbft ein fo genauerKenner der Technik, wie Adam Bartfeh, dahinter einen Stich alsGrundlage vermuthen konnte l ).
Auch in der Kupferftichkunft begnügte fich Dürer nicht mit derbereits erlangten Meifterfchaft. Er trachtete nicht blofs feine Stichel-führung zu noch gröfserer Feinheit und Freiheit auszubilden, er fuchtezugleich raftlos nach neuen technifchen Mitteln zu ihrer Vervoll-kommnung. Gleich nach feiner Rückkehr aus Venedig befafste erfich zwar weniger als fonft mit dem Grabftichel. Er hatte fich, wie
1) Catalogue de la Coli, du Prince de Ligne , 1794, S. 139: »dessin d’une exacti-tude si 6tonnante, que l’on croirait presque,
que les contours en sont graves et retra-vaill£s au pinceau par Dürer lui meme« etc.