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XIII. Der Künftler und der Menfch.
Völlig ausgebildet erfcheint die Technik erft in St. Hieronymus mitdem Weidenbaume von demfelben Jahre (B. 59). In einer Felfen-fchlucht fitzt der greife Heilige mit entblöfstem Oberkörper vor einem,als Tifch verwendeten Brette und betet das Crucifix an. Vorne linksliegt der Löwe, rechts fleht ein theilweife abgeäfteter Weidenbaum.Auf einem Zettel am oberen Rande fleht 1512, links in der Mitte andem Felfen grofs das Monogramm. Je einen Abdruck vor diefemMonogramme befitzt das Britifche Mufeum in London und die Alber-tina in Wien . Insbefondere diefe früheften Drucke — und nur einigewenige unter den mit dem Monogramme bezeichneten — geben unseinen Begriff von dem, was Dürer damit beabfichtigte. Sie find voneiner farbigen Tiefe, von einer malerifchen Leuchtkraft, wie fie erftRembrandt wieder in die Radierung eingeführt hat. Man denkt un-willkürlich an deffen analoge Darflellungen desfelben Heiligen '). Mitfo vollendetem Gefchick handhabt Dürer gleich auf den erften Wurfein fo zukunftreiches Verfahren. Der gleiche Grad, derfelbe Ton dererften Abdrücke läfst auf eine nahe verwandte Technik fchliefsen,und es ift fall undenkbar, dafs fich Rembrandt an diefen VerfuchenDürers nicht ein Mufter genommen habe. Diefer liefs es freilich da-bei bewenden. Er führte nur noch ein Blatt, gleichfalls gröfserenFormates, in der gleichen Weife mit der Nadel aus; es ift die heiligeFamilie an der Mauer (B. ,43) mit S. Maria Magdalena und zweiMännern zur Rechten. Obwohl unbezeichnet gehört das Blatt ohneZweifel in dasfelbe oder in das nächfte Jahr. Die in der Mitte fitzendeMadonna mit der Perlenfchnur im Haar, dem Schleier auf dem Haupte,vor fich niederblickend, ift eine der edelften Geftalten, die Dürer er-funden hat. Doch auch diefes Blatt läfst fich |nur nach den erften,fehr feltenen Abdrücken beurtheilen. Die fpäteren, gewöhnlichenDrucke von diefer, wie auch von den beiden zuvor genannten Platten,geben nur ein ganz trockenes, leeres Gerippe der eigentlichen Arbeit, nureinen ganz matten Schein ihrer urfprünglichen Wirkung. Die feichteStichweife vertrug eben nur eine geringe Zahl von Abdrücken; diePlatte nutzte fich unter der Preffe fehr fchnell ab. Diefe Erfahrungveranlafste Dürer ohne Zweifel, die neue Technik alsbald wieder auf-zugeben. Dürer verftand es noch nicht einer fo zart geritzten Plattedurch fortwährende Retouche die Druckfähigkeit zu erhalten odervielmehr ihr immer auf’s Neue durch Nacharbeiten Haltung zu geben;fei es, dafs er auf diefen Gedanken gar nicht verfiel, dafs es ihm zu
I) BartCch, Nr. 103 und 104,