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Dürer : Geschichte seines Lebens und seiner Kunst / Moriz Thausing
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483
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Die Vier Apoftel.

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plexionen zeigt und zwar die eine Hälfte die mehr paffiven, die anderedie activen Naturen; fo dafs Johannes den Melancholiker und Petrus den Phlegmatiker, Paulus den Choleriker und Marcus den Sanguinikervorftellt. Der letztere ift, nebenbei bemerkt, gar nicht ein Apoftel,fondern ein Evangelift. Das Werk müfste fomit richtiger heifsen:die vier Apoftel und Evangeliften, oder wenn man will: die vierTemperamente. Die einzig würdige Reproduction des Doppelbildeslieferten bisher die beiden Lithographien von N. Strixner, doch dürftedie pietätvolle Leiftung unteres Künftlers trotz des kleinen Mafsftabesdem Originale ungleich näher kommen.

Schon die Auswahl diefer vier und noch mehr die Verkehrungdes Verhältniffes der beiden Apoftelfiirften durch entfchiedene Voran-ftellung des Paulus und Zürückfetzung des Petrus kennzeichnet fcharfDürers proteftantifchen Standpunkt. Johannes, der LieblingsevangeliftLuthers , ift gleichfalls in den Vordergrund geftellt; in dem feinen Bauedes blonden Kopfes hat Retberg ') eine Aehnlichkeit mit Melanchtonentdeckt, dem allerdings manche Züge entlehnt fein mögen. Er trägteinen rothen, gelbgefütterten Mantel über einem grünen Untergewandeund blickt finnend in das geöffnete Buch herab, das den Anfang feinesEvangeliums in deutfcher Ueberfetzung erkennen läfst: Im Anfängewar das Wort etc. Neben ihm tritt Petrus , ein müder Greis, derverdroffen mit in das Buch hineinfchaut, völlig zurück. An Aus-führung und Erhaltung kömmt diefe linke Hälfte des Werkes deranderen keineswegs gleich. Insbefondere Petrus ift ganz breit ange-legt und blofs einzelne Feinheiten darüber gefetzt. Durch eine fpätereUebermalung fcheint fogar das Profil des Johannes verändert zu fein,indem die Ausladung von Stirne und Nafe merklich verftärkt wurde,wie noch deutlich an dem Pentimento erfichtlich ift.

Auf der rechten Hälfte erfcheint der eigentliche Held des Meifters,Paulus, der Ileidenapoftel, eine der grofsartigften Geftalten, anPlrfindung nur vergleichbar Dürers Chriftusideal. Freilich kömmt feinPaulus an Seelenadel dem göttlichen Dulder nicht gleich, der Petrus befahl das Schwert in die Scheide zu ftecken. Er ift nicht derMärtyrer, vielmehr der Mann des Kampfes, der das mächtige Schwertin der Fauft hält, mehr um felbft zu richten, als um gerichtet zuwerden. Betrachtet man diefe breite markige Figur, wie fie feft aufden FüLen dafteht, ganz von den Falten des langen, weifsen Mantelsverhüllt, uzte: dem blofs ganz unten am Fufse und oben an der

1) Nürnbergs X-r.Meben, Stuttg. 1854. fer fchmächtigen Johannesgeftalt mit der-S. 117. Als ein K; : l des Schickfals ward jenigen Friedrich Schillers hervorgehoben,öfter auch die auffall de Aehnlichkeit die-

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