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1 (1860) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst / von Gottfried Semper
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Textile Kunst. Christliches Zeitalter. Westliches Reich.

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so bezeichnenden Quaderschmuckes der Wände. Die von derBekleidung abgeleiteten Ornamente, deren Ursprung und Be-deutung die klassische Baukunst nur errathen lässt, werden ganzmateriell und naiv den textilen Künsten von Neuem abgeborgt;das Flechtwerk, der Zopf, das Teppichmuster sind wieder, zumBeispiel bei den Normannen des 11. Jahrhunderts, was sie beiden Chaldäern waren, nicht so sehr symbolisch wie darstellendimitatorisch gefasste Entlehnungen aus den textilen Künsten zudekorativen Zwecken. 1

Anders verhielt es sich mit der Bekleidung in ihrer Verbin-dung mit dem Dachgerüst und den zu ihm gehörenden stützen-den Elementen.

Diese Kombination, durch deren Vermittlung es den Hellenengelang die Kunstidee von aller stofflichen Beimischung zu reini-gen, musste um so mehr verkümmern und in Nichts zusammen-schrumpfen je mehr sich der Steinschnitt und die Maurerei andie Stelle der alten indogermanisch-tektonischen Raumbedeckungdrängten, und sich in architektonisch-formalem Erscheinen geltendmachten. (Siehe Hauptstück Maurerei .)

Wo übrigens die Säulen bei romanischen Bauwerken nochVorkommen, besonders in Verbindung mit Gurtbögen, die sie zutragen haben, z. B. an den Portalen der Kirchen, auch als Ar-kadenträger und Stützen der Mauern des Mittelschiffes in demInneren derselben, halten sie noch immer mit allen Theilen dieunmittelbar zu ihrem Systeme gehören, (nämlich dem freilich ver-krüppelten Architrave, dem von letzterem aufgenommenen Gurt-bogen und bis zu der quadratischen Umrahmung, welche mitdem Gurtbogen die dreieckigen Zwickel der Arkaden umschliesst,)treu an der antiken Bekleidungüberlieferung, sind alle die ge-nannten Theile für das Auge nicht Maurerarbeiten, sondernRankengeflecht, Mattenwerk, Tapeten und gestickte Verbrämung.

Die eigentliche Revolution des Stiles beginnt erst mit derErfindung der Gurtbogengewölbe. Sowie die ecke durch sieaus ihrer dynamischen Indifferenz herausgerissen und ihre Ein-heitlichkeit als schwebendes nur vertikal gestütztes Velum in ein

1 Der unermüdliche Eifer der mittelalterlichen Propaganda in der Ver-öffentlichung von Kupferwerken und farbigen Darstellungen alter Malereienund sonstiger Details romanischen und gothischen Stils und in deren Ver-breitung macht es überflüssig das Folgende mit Illustrationen zu begleiten.