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Kleine Schriften / Gottfried Semper ; Hrsg.: Manfred und Hans Semper
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Textile Kunst.

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Offenbar ist er der Naturnachahmung günstiger, als der Kreuz-stich. Indessen bemerken wir doch bei den Chinesen und India-nern, die fast nur die Plattstickerei anwenden, ein meist strengesInnehalten des Stiles, absichtliches Vermeiden aller starken Vor-spränge und Rücklagen in Licht und Schatten. Die Töne sindstach nebeneinander gelegt, kaum dass sich einige über die an-deren erheben, um ein konventionelles Relief hervorzubringen.Zugleich gehen sie in diesem Prinzipe nicht zu weit; die Formensind regelmäßig und symmetrisch, wie es in einer Stickerei durchausnotwendig ist. Die Chinesen weichen zuweilen von der Symmetrieab, darin aber liegt wieder ein eigentümlicher Sinn für den Stil.

Wir Europäer stehen auch hierin anderen Völkern weit nach,indem wir immer wieder in die Naturnachahmung verfallen undin Ziererei. Der größte Unsinn der Art ist die Stickerei in Haar,wie sie als Nachahmung von Kupferstichen und Lithographienbetrieben wird. Auch die berühmtesten Gobelins überschreitenvollständig die Grenzen des Stiles und gehen zu sehr in dienaturalistische Auffassung ihres Gegenstandes über. Die Orien-talen pflegen ihre Quadrat- und Plattstickereien mit schwarzen,roten und goldenen Fäden zu durchziehen und dadurch die ein-zelnen Töne zu trennen, auch in den inneren Konturen. Eserscheint dies allerdings hart, aber hält die Form dennoch aufeine Art und Weise zusammen und ist überhaupt ein Mittelum Farben, welche gegeneinander schreien könnten, in Harmoniezu bringen. Ein zu grelles Blau neben einem grellen Rot miteiner schwarzen Linie verbunden mäßigt beide. Bei sehr dunklenFarben muß man helle, neutrale nehmen zur Trennung. EineAbart der chinesischen Plattstickerei ging ins eigentliche Reliefüber. Diese offenbar uralten Stickereien waren ausfallend inder Pariser Ausstellung. Gewiß wurde diese Art der Stickereischon bei den Assyriern gekannt und ich halte sie für den Ursprungdes assyrischen Relief, wo nicht überhaupt der Skulptur.