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Kleine Schriften / Gottfried Semper ; Hrsg.: Manfred und Hans Semper
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Kunstgewerbliches.

o) Stilbediugungc» tcxtiler Stoffe hinsichtlich ihrer zwccklichenBestimmung.

Ein Stoff, schicklich für einen Zweck, ist nicht schicklich für jedenanderen, und doch ignorieren unsere Fabrikanten diesen Unterschied.Die Schotten haben ihren bekannten buntfarbigen karrierten Stoff,welchen sie als Plaid vielgefaltet tragen, und nun lassen sichunsere Dandies daraus Beinkleider machen, wobei gerade diegroßen Carres die Linien des Körpers zerschneiden, während dieEntwickelung der Muster der Lebensachse des Beines entlang gehensollte. Nicht viel gescheiter ist die Anwendung der indischenShawls, so wie die Damen sie bei uns tragen. Es sind diesbekanntlich Stoffe, welche aus den reichsten Farben zusammen-gesetzt sind, und deren Muster, obschon dem Auge kaum entwirrbar,dennoch eine sehr schöne Harmonie zeigen. Hat man stundenlangeinen solchen Shawl angesehen, so wird man doch keine Form imKopfe behalten. An einem solchen Kaschmir arbeiten zwanzigbis dreißig Personen oft jahrelang, jede an einem einzelnenStück, und diese werden dann so vollkommen zusammengewirkt,daß unmöglich mehr eine Naht zu entdecken ist. Daraus istnun aber der Stil der Kaschmirshawls entstanden. Die Farbein jedem einzelnen Stücke d. h. in jedem einzelnen Cypressen-ornament ist so kombiniert, daß alle doch wieder schön harmonieren.Wir finden hier wieder das Gesetz der Juxtaposition, welchesoffenbar schon von den Griechen gekannt sein mußte, denn sonstkönnte man sich viele gemalte kleine Ornamente, welche in sehrgroßer Höhe gesehen wurden, nicht erklären. Da tritt offenbarmeistens die Absicht der Hervorbringung einer dritten Farbedurch Nebeneinandersetzen von zwei anderen, grün durch gelbund blau u. s. w. hervor. Der Kaschmirshawl dient den Be-wohnern von Indien und Kaschmir nur als Turban oderSchärpe, d. h. nur sehr faltig und zusammengebunden. Daher