Textile Kunst. Die Naht.
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macht, die übermässig hohen und schlanken räumlichen Verhältnisse,besonders bei nicht genügender Entwicklung des Raumes nach seinerLänge. Sie sind aus einer falschen und einseitigen architektonischenoder vielmehr konstruktiven Theorie hervorgegangen und werden nunmit noch falscherer Sentimentalität für das Werk und den erhabensten,ja alleinig statthaften, Ausdruck echt christlich - germanischer Glaubens-innigkeit ausgegeben.
§• 19 .
Die Naht.
Struktive Bedeutung der Naht.
Die Unscheinbarkeit der Ueberschrift dieses Artikels darf über dieBedeutung seines Gegenstandes in kunst- stilistischer Beziehung nichttäuschen. Die Naht ist ein Nothbehelf, der erfunden ward, um Stückehomogener Art, und zwar Flächen, zu einem Ganzen zu verbinden undder, ursprünglich auf Gewänder und Decken angewendet, durch uralteBegriffsverknüpfung und selbst sprachgebräuchlich das allgemeineAnalogon und Symbol jeder Zusammenfügung ursprünglich ge-theilter Oberflächen zu einem festen Zusammenhänge geworden ist.In der Naht tritt ein wichtigstes und erstes Axiom der Kunst-Praxis inihrem einfachsten, ursprünglichsten und zugleich verständlichsten Aus-drucke auf, — das Gesetz nämlich, aus der Noth eine Tugendzu machen, 1 welches uns lehrt, dasjenige, was wegen der Unzuläng-
1 Es dürfte der Worttausch, den ich mir hier erlaubt habe, leicht spielendund bedeutungslos erscheinen, und in der That wage ich nicht, die Worte Naht undNoth als etymologisch und grundbegrifflich verwandt zu bezeichnen, — obschon eineIdeenverknüpfung ganz ähnlicher Art, nämlich zwischen Naht und Knoten (lat. nodus,nexus, franz. noeud, engl, knot) zwischen der fesselnden ävayxr] und der unentwirr-baren Verschlingung, die wiederum nur die Noth zerhaut, die sich nach verschie-denen Richtungen hin verfolgen lässt, wohl schwerlich bloss aus zufälliger-Sehnlichkeit der beiden Wörter, woran sie haftet, hervorgeht. Erst nachdemIch dieses geschrieben, fand ich in Dr. Albert Höfer’s sprachwissenschaftlichen Unter-suchungen S. 228 folgende Stelle, die meine Vermutlmngen über den Zusammenhangder in dem Text berührten Begriffe und Worte bestätigt: „Es sohliessen sich hier aufden ersten Blick und unabweisbar eine Anzahl Worte an, die sich am fügsamsten umdie Wurzelform noc vereinigen, lat. neo = nec.-o? nexus, necessitas (conf. 'kay'^o g,