104 Viertes Hauptstück.
Russlands und in Littliauen gemacht. Auch ist in diesen Ländern dereigentliche Stiefelstil zu Hause; die russischen Stiefel (die Toilettenstiefelnämlich) bilden wahre Ledermosaiks und sind aus vielen Lappen vongrünem, rothem und gelbem Leder sehr geschmackvoll und solid zu-sammengenäht. Offenbar eine bulgarisch -byzantinische Ueberlieferung.
Unser europäisches lackirtes Leder mit der gewichsten monotonenOberfläche darf kaum unter den Kunstledern genannt werden. Es iststillos, weil bei dessen Verfertigung ein Prinzip der Flächendekoration,welches nur bei starren Flächen nutzbar und ausführbar ist, d. h. sichmit irgend einer Garantie der Haltbarkeit und Zweckangemessenheitdurchführen lässt, auf geschmeidige und stets der Biegung und Bewegungunterworfene Oberflächen angewendet wird. Die nothwendige Folge davonist, dass selbst die geschmeidigsten Lacke sofort Risse bekommen an denStellen, wo diese Biegungen permanent sind. Viel besser erkennen dieMorgenländer den Sinn ihrer Aufgabe, indem sie die glänzende Oberflächedes geschmeidigen Leders von vorneherein mit einem Netze von künstlichhervorgebrachten feinen Rissen überziehen oder sie nach irgend einemPrinzipe der formellen Gesetzlichkeit mit Narben und feinen Uneben-heiten bedecken, wodurch das Hervortreten der durch das Biegen derOberflächen herbeigeführten natürlichen Risse vermieden und zugleicherzielt wird, dass sich der Glanz auf vielen kleinen Lichtpunkten derOberfläche concentrire und einerseits reicher und effektvoller hervortrete,andererseits besänftigt und gemildert erscheine. — Wir kennen ein an-deres Beispiel orientalischer Industrie, wobei dasselbe Prinzip der Flächen-dekoration in minder gerechtfertigter Weise hervortritt, ich meine daschinesische Krackporzellan, welches seinen Ursprung der Schwierigkeitverdankt, die Decke des Porzellanes mit der Masse desselben in solchesVerhältniss zu setzen, dass das Schwinden der ersteren mit dem Schwindender letzteren bei starkem Feuer gleichen Schritt halte.
Wir sehen auch an diesen lehrreichen Beispielen, dass der Stil inden Künsten zum Theil aus dem geschickten Sichfügen in die unver-meidlichen Mängel und Unvollkommenheiten der Stoffe und Mittel her-vorgehe, die zu der Erreichung eines Zweckes dienen, dass oft das ganzeGeheimniss darin bestehe, aus der Noth eine Tugend zu machen und ihrnicht in das Gesicht zu schlagen.
Für europäisches Fusszeug, wie es einmal ist, bleibt immer nochdie Stiefelwichse, dieser äusserst dünne und leicht darstellbare Lack,das stilgerechteste Glanzmittel. — Die von den Ungarn im XII. Jahrh.angeblich erfundene Weissgerberei (wobei Alaun die Stelle des vegetabi-