Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
144
JPEG-Download
 

144

Viertes Hauptstück.

Herr Bock dasselbe meines Erachtens fälschlich mit den von den Altenso häufig genannten schottischen oder gallischen Stoffen in Verbindunggebracht. Diese waren gewürfelt, scutulis divisae nach Plinius , dieStreifen waren verschiedenfarbig einander durchkreuzend, indem nichtnur der Einschlag, sondern auch die Kette aus Fäden zusammengesetztwar, die abwechselnde breite Streifen bildeten. So entstanden die scu-tuli 1 (nkiv&ioi), und die vestes versicolores des Livius , die virgata sagulades Virgil und die braccae virgatae des Properz. Aus anderen Schrift-stellern erhellt freilich, dass die Hauptfarbe dieser gallischen Gewänderroth war, doch darf man dabei nicht an einen allgemeinen Purpurgrunddenken, wie ihn unser Stoff zeigt, sondern nur ein Vorherrschen rotherStreifen zwischen andersfarbigen sich vorstellen, wie bei den jetzigenschottischen Mustern. Unser Stoff hatte schwerlich jemals die Bestimmung,getragen zu werden, sondern bildete wahrscheinlich den Schmuck unddie Ausstattung eines vornehmen Platzes bei den öffentlichen Spielen,denn ich sehe in den darauf gewirkten Gruppen keine Simsons, sondernrömische Thierkämpfer, die sich allenfalls ohne Ineptie in’s Unbestimmtehinaus vervielfältigen Hessen , was mit dem einzigen Simson nicht derFall gewesen wäre. Allerdings hatte man bereits im IV. Jahrhundertin der Geschmacklosigkeit so weite Fortschritte gemacht, dass allerhanddurch den Webstuhl vervielfältigte figürliche Darstellungen, die denSchneider wegen der Richtung, die er diesen zu geben hatte, so dass sienicht auf dem Kopfe stehend oder der Quere nach erscheinen, sehr in Ver-legenheit setzen mussten, zu der Verzierung von Kleiderstoffen verwandtwurden. So beklagt sich Asterius der Bischof von Amasea über dieThorheit seiner Zeit, die auf die eitlen und unnützen Ausartungen derWebekunst, welche durch Fadengeflecht die Malerei nachahmen wolle,viel zu grossen Werth setze; man halte so gekleidete Leute für ange-malte Schauwände, und die kleinen Kinder zeigten mit den Fingern aufdie Darstellungen auf den Kleidern. Da gäbe es Löwen, Panther, Bären,da wären Felsen, Wälder und Jäger; die Pietisten trügen Christum unddie Apostel und alle seine Wunder auf dem Bücken. Hier sehe mandie Hochzeit von Galiläa und Weinkrüge, dort trage der Gichtbrüchigeseine Matratze, anderswo erscheine die Büssende zu den Füssen desHeilandes oder der wieder aufgeweckte Lazarus! — Nach diesem würdeunser Stoff ganz gut der damaligen Kleidermode entsprechen. — Nachdem

1 Die Autoren des bas-empire verstanden unter scutuli ganz etwas anderes alswas Plinius und die alten Schriftsteller überhaupt darunter sich denken.