Textile Kunst. Prozesse. Sticken.
181
Kritik unterwerfen, prüfen, wo dieser die behandelte Kunsttechnik in-fluencirt oder durch sie influencirt wird, das Bessere, was nicht ist abersein könnte, hervorheben und nach Kräften seine Einführung vorbereiten,dasjenige Vortreffliche, was der Geschichte anheimgefallen, nicht mitvornehmem Hinwegsehen über die Gegenwart und die Erfindungen derZeit als das absolute Muster hinstellen, sondern als Beispiel benützen,um daran zu zeigen, wie in den Zeiten wahrer Kunstbildung aus demdamals Gegebenen die Aufgabe richtig gelöst wurde und wir nachdiesem Vorbilde das jetzt Gegebene zu der Lösung einer analogenAufgabe in Ansatz zu bringen haben, endlich beweisen, dass alle tech-nischen, mechanischen und ökonomischen Mittel, die wir erfanden undvor der Vergangenheit voraushaben, eher zur Bai’barei zurückführen alsden Fortschritt der wahren Kunstindustrie und zugleich der Civilisationim Allgemeinen bezeichnen, so lange es nicht gelang, diese Mittel imkünstlerischen Sinne zu bemeistern! Das, unter vielem unberührt Ge-bliebenem, sind die Sätze, über welche ein Professor der Wehekunst intheoretischem und praktischem Unterrichte zu lehren hat.
§• 57 .
Der Stich, das Sticken, acu pingere, pinsere, pungere, ypdipeiv.
Das Sticken ist ein Aneinanderreihen von Fäden, die man mitHülfe eines spitzen Instruments auf eine natürliche oder künstlich pro-duzirte geschmeidige und weiche Fläche heftet; die Elemente der aufdiesem Wege hervorgebrachten Zeichnungen heissen Stiche und sindmit den Einheiten (tesserae, crustae), womit die Mosaike zusammengesetztsind, vergleichbar; die Stickerei ist in der That eine Art Mosaik inFäden, wodurch ihr allgemeiner Charakter und ihr Verhältniss zu derMalerei und Skulptur festgestellt ist. So wie durch Mosaik nichtlediglich Flächendarstellungen, sondern auch Reliefdarstellungen hervor-gebracht wurden und es keineswegs entschieden ist, welcher von beidendas Recht der Anciennetät zuzuerkennen sei, 1 ebenso gibt es Relief-
1 Die ältesten Mosaike sind vielleicht die zu Wurka gefundenen Mauerdekorationen,die zugleich reliefartige Vorsprünge bilden. — Unter den griechisch-römischen Mo-saiken zeigen gerade die Reliefmosaike den unverkennbar altern griechischen Stil;ausser dem Mosaikboden im Pronaos des Zeustempels zu Olympia und einigen Bruch-stücken unsichern Alters sind alle.eigentlichen Mosaikgemälde aus später römischer Zeit.
Vergl. Rochette Peintures antiques ined. p. 393 sqq.