Textile Kunst. Das Prinzip der Bekleidung in der Baukunst. 207
Der nähere Aufschluss dieses Gegensatzes wird erst im Verlaufedieses Artikels erfolgen können, der eben das wichtige Prinzip der Be-kleidung und der Inkrustirung als Element der bildenden Künste zubesprechen hat.
Das Werk des grössten französischen Kunstforschers und Kennersder Antike, Quatrcmere de Quincy’s Jupiter Olympien, war nahe daraneine für das Verstehen der antiken Kunst in ihrer Gesammtheit im hohenGrade wichtige Frage zu lösen, ja es löst sie zum Theil, obschon nichtallgemein und prinzipiell genug, für dasjenige, was sein besonderer Inhaltist, für die Bildnerei der Hellenen nämlich.
Hätte der berühmte Verfasser desselben den innigen Zusammenhangder in der Blüthezeit der Griechen herrschenden Vorliebe für polychromechryselephantine Kolossalbildwerke mit einem uralten auch in Griechenland verbreiteten allgemeinen Inkrustationsprinzipe nachgewiesen, welches nichtbloss die Bildnerei, sondern auch die Baukunst beherrschte (und zwarnicht bloss die Dekoration, sondern das innerste Wesen dieser Kunstbedingend); hätte er gezeigt, wie unter anderen Stoffen, die zu Inkrusti-rungen benützt wurden, als Holz, Metall, Terrakotta, Stein, Stuck etc.,auch seit ältester Zeit das gefärbte Elfenbein zu demselben Zweck imGebrauch war, wie ferner aus diesem Gebrauche auf Bildnerei im Grossenangewandt die chryselephantinen Statuen hervorgingen, so hätte ihn diesszu noch wichtigeren und allgemeineren Resultaten geführt als seine vor-treffliche Abhandlung jetzt schon enthält, in der eigentlich ein umge-kehrtes Verfahren verfolgt und nachgewiesen wird, dass die Absicht,Kolossalbilder in Elfenbein oder ähnlichen Stoffen, die nicht in grossenStücken gewonnen werden können, zu bilden, nothwendig zu derjenigenTechnik führen musste, deren Beschreibung und Wiedererweckung ihmals Hauptzweck seiner Arbeit galt . 1
Wenn schon in dieser Beziehung die Arbeit für unser Interessenicht genügt, so ist sie für dasselbe dennoch von höchster Bedeutung,besonders auch wegen deren praktischer Tendenz, wonach uns die Formnicht als Fertiges nach der Schule ästhetischer Idealität gleichsam vor-geritten wird, sondern das Verständniss der Kunstform und der hohenIdee, welche in ihr lebt, uns aufgeht, während Beides als unzertrennlichvon dem Stoffe und von der technischen Ausführung behandelt und gezeigt