Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
247
JPEG-Download
 

Textile Kunst. Indien .

247

Einzelne in der Werkstatt nach der Schablone fertig gemacht und dannstückweise versetzt oder eingefügt wird. Anderer damit verbundenerNachtheile nicht zu gedenken.

Die hier niedergelegte Theorie über den Einfluss des Stucks aufdie Weiterbildung monumentaler Typen und Stile, auf unumstösslicheThatsachen begründet und unwiderlegbar, ist in ihren Folgerungen nichtfür die Geschichte indischer Kunst allein umwälzend, sie ist es über-haupt für die gesammte Kunstlehre, wie unsere Professoren sie vortragen.

Diess mag vor der Hand noch auf sich beruhen, ich folgere zu-nächst nur aus der Analogie dessen, was wir an jenen indischen Stein-monumenten erkennen, einen für die Geschichte des Stils nicht unwich-tigen Satz, dass nämlich die Bildnerei in ungebranntem und gebranntemThone, da sie niemals und bei keinem Volke des Alterthums andersgeübt wurde als nach der Weise jener Steinskulpturen, nämlich so, dassdas Thongebilde nur den unsichtbaren mit Stuck inkrustirten Kern derKunstform ausmacht , 1 dass sage ich die Thonbildnerei eben sowenig eine ursprüngliche Technik ist wie die Steinbild-ner e i, sondern in die Reihe der sekundären oder vielmehr tertiärenErscheinungen der Stilgeschichte tritt.

Das Bekleiden der Wände mit Steinen (Mosaik), die Malerei desStucks (aus welcher sich dann die einfache Bemalung des Steins ent-wickelte, indem farbiger Stuck und Anstrich dem Begriffe nach gleich,nur der Dicke des Auftrags nach verschieden sind), die Inkrustation derWände und struktiver Theile mit Metallplatten, alles dieses sind tech-nische Proceduren der Baukunst, die, in Indien wenigstens, im Gefolgedes Stucks, dieses ältesten struktiven B ekleidungs Stoffs deraus Erde und Ziegeln konstruirten Wände, und zum Theilin Verbindung mit ihm in Anwendung kamen. Dabei bleiben aber nochimmer manche Fragen unerledigt. Zum Beispiel über das Alter derMetallbekleidung und ihre richtige Ableitung, über das Alter des Mosaiksund dessen Verhalten zur Malerei, über das Verhalten dieser letzterenzur Skulptur u. s. w. Ich lasse sie noch vor der Hand unberührt undbemerke nur in Bezug auf die erste dieser Fragen, dass Indiens Metall-bekleidung wahrscheinlich alle anderen barbarischen Leistungen diesesFaches übertraf und dass die früh raffinirte Technik, die bei ihr ange-wandt wurde, ihr hohes Alter in diesem Lande verbürgt . 2

1 Es ist hier natürlich nicht von Thonwerken aus Zeiten die Rede, in welchenjede Tradition der Kunst meist vergessen war.

2 Philostr. Vit. Ap. II. 21.