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1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
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Viertes Hauptstück.

In gewissen Fällen, wenn die Höhe des Stoffes diejenige der zubekleidenden Wand nicht erreichte, wurden Gerüste gebaut und die hal-tenden Männer bildeten zwei, drei und noch mehrere Zonen über ein-ander. Dieses Motiv nun wurde aufgefasst und in der Stickerei nach-geahmt. Wir erkennen dasselbe wieder an den Auläen und Siparien,jenen kolossalen aus der Erde heraufsteigenden Tapetenschirmen, welchedie Seena des römischen Theaters vor der Handlung verhüllten. Siewaren auf die bezeichnete Weise mit Giganten, Telamonen und Satyrn,oder auch mit gefangenen Germanen, Panthern und Britannen, diescheinbar das Tuch mit ihren aufwärts gestreckten Armen hielten undmehrfache Reihen bildeten, geziert . 1 Aehnlicherweise treten auch Nym-phen und Dienerinnen 2 (Karyatiden) als Gewänder tragende und span-nende Figuren auf, erscheinen sie in späterer Nachbildung und Verwerthungähnlich bethätigt auf Relieftafeln , 3 an Vasen und in der Baukunst stattder Säulen.

Diese Motive nun der späten Kunst der Griechen und Römer warenmit vielen anderen uralt asiatischen Ursprungs. Die europäische Kunstlag noch dort, wo sie später die schönsten Früchte bringen sollte, imtiefsten Schlummer, wie schon die Künste des Webstuhls, die Chalkeutikund die Töpferei in Asien den Grad der Entwicklung erreicht hatten,über den sie sich hier später eigentlich niemals hinaus wagten, und ihreErzeugnisse durch Verkehr und Raub in die noch unkultivirten zunächstgelegenen Länder getragen wurden.

So geschah es, dass diese frühen chaldäischen Stickereien mit ihrenunverstandenen Symbolen, Fabelthieren und Thierkämpfen, dass ver-wandte Darstellungen auf Gefässen und Geräthen aus Thon und Bronzeauf die Einbildungskraft der empfänglichen Hellenen lebhaft einwirkenmussten, dass vielleicht in einigen Fällen heimische Sagen und religiöseElemente, die eine entfernte Aehnlichkeit oder selbst Grundzüge ältesterGemeinsippe boten, gewaltsam zu ihrer Deutung herbeigezogen, meistensaber die Sagen und religiösen Bilder erst frisch aus ihnen heraus gedichtetwurden. Zugleich erweckten sie den Nachahmungstrieb und die bildendenKünste wucherten eben so schöpferisch und frei wie die Dichtkunst, und

1 Ovid . Metam. II. 111. Cicero Coel. 27. Virgil Georg III. 25. Purpurea intextitollant aulaea Britanni. Vgl. Voss zu Virgils ländlichen Gedichten und die gelehrteNotiz in Böttigers kleinen Schriften. Bd, I, S. 402.

2 Claudian II, de raptu Proserp. 320.

3 Sehr interessant ist in dieser Beziehung jenes bekannte Relief im Museum zuNeapel , das offenbar einen Teppich nachahmt.