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Viertes Hauptstück.
eben so gewiss sind diese in Stein metamorphosirtes Sphyrelaton.Ohne die Unterstützung dieses Vergleiches mit den Grabthoren vonCorneto wäre es schwer gewesen, den Einfluss der Metallotechnik aufdas formal-dekorative Wesen eines der wichtigsten Bautheile des helle-nischen Stiles bis zur Evidenz nachzuweisen, wesshalb ich so lange beidiesen an Kunstwerth sonst nicht bedeutenden Antiquitäten verweilenzu müssen glaubte; denn es liegt mir sehr daran, als Thatsache festzu-stellen, dass das unmittelbare Vorbild oder Motiv des hellenischen Säulen-stils nicht der hölzerne Nützlichkeitsbau ist, dass dieser Säulenstil auchnicht wie Athene aus dem Haupte des Zeus vollständig fertig und gerüstetaus der Steinkonstruktion hervorging (wie Karl Bötticher will), sonderndass er lange vorbereitet wurde durch das uralt asiatische inkrustirtePegma, oder noch richtiger durch das Pegma mit tubulären Elementen.Was in Beziehung auf statuarische Kunst sich beinahe von selbst ver-steht, auch wohl von Niemand mehr bezweifelt wird, nämlich der Ueber-gang vom Holzstil durch den Metallstil in den Steinstil, welcher letztereerst nach der fünfzigsten Olympiade eigentliche Geltung gewann, istauch buchstäblich wahr in Beziehung auf Baukunst. Gerade so wie dieMarmorbildsäule immer noch etwas vom Stile des archaischen Sphyrelaton-kolosses an sich behält, aber von der dädalischen Puppe kein Abkunfts-zeichen mehr trägt, eben so zeigt sich in dem Steintempel ein dynamischesPrinzip, das nur bei der Hohlkörperkonstruktion seine volle Berechtigunghat. Doch wird sich zeigen, wie das zum vollen Bewusstsein gelangteHellenenthum bei seinem Streben nach der absoluten formalen Schönediesen struktiven Gedanken nicht realistisch, sondern in höherem Sinnefasste.
Nach Vitruv hätten die durch die Dorier verdrängten hellenischenKolonisten Kleinasiens ihren Bundestempel des panionischen Apollon inErmangelung eines eigenen Baustils nach dem Vorbild des von Domserbauten Tempels der Hera zu Argos in dem dorischen Stile, aber nachleichteren Verhältnissen, ausgeführt, erst nachher hätten sie sich dieionische Weise angeeignet; demnach wäre vielleicht der Tempel vonAssos aus jener frühen Zeit der griechischen Auswanderung. Doch istVitruv eben kein Gewährsmann in derartigen Fragen, und ausserdemwaren in jenem Theile Kleinasiens , wo der Tempel von Assos stand,mehrere dorische Kolonieen angesiedelt, die noch in späteren Zeiten anihrer dorischen Stammsitte festhalten mochten. Wer bürgt endlich dafür,ob nicht grade dieser Tempel, an dem sich das Konstruktive und Bild-nerische so chaotisch vermischen, ein echt asiatisches Werk sei? —