Buch 
1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
Entstehung
Seite
422
JPEG-Download
 

422

Viertes Hauptstück.

geschichte auch des hellenischen, überhaupt des gräko-italisehen, Bau-stiles, dass ich nochmals mit einiger Ausführlichkeit darauf zurückkommenzu müssen glaube. Zu den vielen irrthümlichen Ansichten, die in derKunstarchäologie vorwalten, gehört auch diejenige, wonach der Gebrauchdes Bekleidens der Baustoffe mit Stuck (oder Mörtel) nur aus der Ab-sicht hervorgegangen sein soll, die Unscheinbarkeiten und Rauheiten odersonstige Mängel dieser Stoffe zu verstecken, denselben mehr Dauer zuverschaffen, und wohl gar ein besseres Material, z. B. den weissen Mar-mor, damit nachzuäffen. — Man darf diesen imaginären Thatbestand nurumkehren und er wird wieder der richtige sein. — Wegen des Stuck-bewurfes, des uralt traditionellen Repräsentanten der Wandbekleidungals architektonisch-räumlichen Elements, der nach dem technischenHerkommen ältester Zeiten zugleich als Malergrund unver-meidlich war, wurden poröse Steine, Tuffe, Ziegel, Terrakotten, kurzsolche Stoffe, die geeignet sind, einen Putzbewurf in dauerhaftester Weisetestzuhalten, zum Mauern vorzugsweise verwandt . 1

Ein schöner weisser Stuckbewurf war den Alten die vornehmsteBedingung einer guten Ausführung, denn von ihm war der ganze Erfolgder so wichtigen Farbendekoration abhängig, die stets und überallals unzertrennlich mit der Koniasis gedacht und erwähnt wird.So heisst es in den Maffei’sehen Fasten: expoliendum et pingendum; 2 3 * soerklärt Suidas das Wort Kaviar ai, Tüncher, durch den Zusatz? diejenigen,welche die Mauern färben (of rovg roi%ovg napaxplovreg). In der antia-nischen Inschrift ist der Stuckateur unmittelbar neben dem Maler aufge-führt. In einer andern Inschrift wird der Architekt eines Museion, d. i.eines mit Mosaik gezierten Prunkraumes, neben dem Stuckateur genannt . 8Nicht anders als gemalt sind die „übertünchten“ Gräber des Evange-listen zu fassen. Das siebente Buch des Vitruv enthält so viele unzwei-deutige Hinweise auf die Unzertrennlichkeit der expolitio und der dealbatio

1 Mir fiel es auf meinen Reisen auf, dass griechische Kolonien immer dortanzutreffen sind, wo jener vielgenannte Muschelkalkstein, der Poros, zu Tage liegtund mit Leichtigkeit bricht. Ich möchte diese Bemerkung allgemein auf alle gräko-italischen Ansiedelungen ausdehnen und zweifle nicht, dass die Gegenwart dieses wich-tigen Baustoffes bei den Ansiedlern ein wesentliches Moment bei der Wahl ihrerNiederlassungsörter war.

2 Animadversa ad Fast. Rom. fragmenta v. Satius und Jac. van Vaassen. 1785. 4°.

3 Medv'k'ko g xareerxeva^ero Movaeiov Mdvixog xsxoviaxe. Vide llochette

peintures antiques ined. S. 240 u. ff., wo viele hierher gehörige Stellen citirt sind.