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1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
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Textile Kunst. Alt-Hellenisches.

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mit der Polychromie, dass man es hier fast von Anfang bis zu Endecitiren müsste . 1

Wenn Rochette, Ullrichs, Kugler und andere Gegner der Poly-chromie dessen ungeachtet noch immer das tectorium opus und die de-albatio buchstäblich als Weisstüncherei und die politio 2 als Politur immodernen Sinne dieses Worts verstanden wissen wollen und Griechen wieRömern Zutrauen, wessen nur letztere in späterer Zeit fähig sein konnten,dass sie ihre Tempel und Monumente wirklich von Zeit zu Zeit neuweissen Hessen , weil zuweilen von einer dealbatio derselben die Rede ist,so müssen dieselben Meister des klassischen Geschmacks auch unsernVätern die Palme dieser weissen Klassicität einräumen, welche mit ihrenMaurerpinseln und Tüncheimern gegen die Polychromie des Mittelaltersden grausamsten und leider erfolgreichsten Vernichtungskrieg geführthaben. Allein das richtigere Verständniss ihrer Werke und ihrerKunstausdrücke schützt die Alten vor dem Opprobrium, welches dieserVergleich, wenn er gegründet wäre, über sie bringen würde. Ichwiederhole meine Behauptung der antike Bewurf kann gar nichtgetrennt von der Malerei gedacht werden, er ist die Basis, der eigent-liche Körper, dieser letzteren, und zwar nicht nur in Beziehung aufWanddekoration und monumentale Polychromie, auch Holztafeln, Terra-kotten und viele andere Stoffe, die bemalt werden sollten, mussten vorhermit einer Koniasis (einem Leukoma) dazu präparirt werden; nur dieMetalle, das Elfenbein und der Marmor bedurften dieses künstlichenHintergrundes nicht, wesshalb diese edlen Stoffe in der Zeit der voll-endeten Kunsttechnik vor allen gesucht wurden.

Der Stuck diente aber keineswegs allein als glatter Hintergrund derMalerei, vielmehr war die plastische Behandlung der Stuckflächen, dieeigentliche Stuckaturarbeit, die caelatura tectorii, das ist das Verfahren,die gemalten Ornamente und die Gemälde aufWandflächen durch Stuck-eaelaturen zu heben, eine von den Alten sehr ausgebildete Technik.

Kunsthistoriker haben nicht ermangelt auch die Aufnahme dieser

1 Utinam dii immortales fecissent ut Lycinus revivesceret et corrigeret hancarnentiam tectorumque errantia instituta! sagt Vitruv bei Erwähnung der Excesseder Wanddekorationsmaler. (VII. 5. 1.) In dem achten Kapitel desselben Buchs istvon einer expolitio minacea die Rede.

2 Es ist unrichtig, dass, wie einige gelehrte Nicht-Techniker behaupten, derweisse Marmor der Tempel Athens polirt gewesen sei, seine Oberfläche zeigt vielmehreine sorgfältige letzte Ueberarbeitung, wobei absichtlich die Glätte der Politur durchdie angewandten Mittel vermieden war.