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1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
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Viertes Hauptstück.

Diese Kombination, durch deren Vermittlung es den Hellenen gelang,die Kunstidee von aller stofflichen Beimischung zu reinigen, musste umso mehr verkümmern und in Nichts zusammenschrumpfen, je mehr sichder Steinschnitt und die Maurerei an die Stelle der alten indogermanisch-tektonischen Raumbedeckung drängten, und sich in architektonisch-formalem Erscheinen geltend machten. (Siehe Hauptstück Maurerei .)

Wo übrigens die Säulen bei romanischen Bauwerken noch Vorkommen,besonders in Verbindung mit Gurtbögen, die sie zu tragen haben, z. B. anden Portalen der Kirchen, auch als Arkadenträger und Stützen derMauern des Mittelschiffes in dem Inneren derselben, halten sie noch immermit allen Theilen, die unmittelbar zu ihrem Systeme gehören (nämlichdem freilich verkrüppelten Architrave, dem von letzterem aufgenommenenGurtbogen und bis zu der quadratischen Umrahmung, welche mit demGurtbogen die dreieckigen Zwickel der Arkaden umschliesst,) treu an derantiken Ueberlieferung des Bekleidens fest, sind alle die genannten Theilefür das Auge nicht Maurerarbeiten, sondern Rankengeflecht, Mattenwerk,Tapeten und gestickte Verbrämung.

Die eigentliche Revolution des Stiles beginnt erst mit der Erfindungder Gurtbogengewölbe. Sowie die Decke durch sie aus ihrer dynamischenIndifferenz herausgerissen und ihre Einheitlichkeit als schwebendes, nurvertikal gestütztes Velum in ein Netzwerk von Gewölbribben aufgelöstwird, die zugleich senkrecht und horizontal auf nur einzelne Punkte derMauer wirken, verlangt das Auge, sowie die Statik, sofort Gegenstützen.

Der gothische Baustil hat die eine Hälfte des Problemes, diemechanische nämlich, durch die von Aussen gegen die Mauer gestütztenStrebepfeiler und Schwibbögen nur zu rücksichtslos und hausbackengelöst. Dagegen ist er die Lösung der ästhetischen Hälfte desselbenschuldig geblieben; er lässt nicht nur das Auge unbefriedigt, dort wo derSeitenschub der Gewölbribben wahrnehmbar wird, nämlich in dem Innernder überwölbten Räume, wo die äusseren Gegenstreben nicht sichtbarsind und jedes unbefangene Auge sich durch deren Abwesenheit und daseinseitige Wirken der Gewölbribben nach Aussen gegen einen Pfeiler,dessen Stärke innerlich ungesehen bleibt, der somit scheinbar zu schwachist, geängstigt fühlen muss; er verletzt das ästhetische Gefühl auchäusserlich durch übermächtiges, rein technisches, Pfeiler- und Schwib-bogenwerk, das gegen etwas wirkt, was äusserlich gar nicht gesehenwird und in formaler Beziehung daher auch gar nicht existirt. Denn dasästhetische Auge trägt zwar räumliche Eindrücke mit Leichtigkeit übervon früher zu nachher Gesehenem, aber statische Ergänzungen des