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1 (1878) Die textile Kunst für sich betrachtet und in Beziehung zur Baukunst
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Textile Kunst. Christliches Zeitalter. Westliches Reich. 475

Gesanunteindruckes durch noch nicht oder nicht mehr gesehenes Gegen-wirken von Massen sind nicht statthaft. Diess erklärt sich ganz einfachdadurch, dass ein halbes statisches System nichts Ganzes für sich bildetund eigentlich gar nicht existenzfähig ist, dass dagegen ein Raum, z. B. einVestibulum, das mit dem Peristyl des Hofes, sodann mit der nachher zuersteigenden Treppe, der oberen Loggia und dem Vorsaale, in welchendiese führt, eine harmonisch wirkende Gesammtheit bildet, auch für sichallein ein abgeschlossenes Ganzes ist.

Viel schöner ist diese Aufgabe z. B. gelöst in den grossartigen mitKreuzgewölben überspannten Hauptsälen der römischen Thermen, wo dasWiderlager und zugleich die senkrechte Stütze der Wölbdecke durch vordie inneren Wände gestellte Säulen, deren Gebälk in die Mauer eingreiftund den Seitenschub aufnimmt, zugleich mechanisch und ästhetischbefriedigend vertreten sind. Durch diese Säulenstützen in dem Innerender Räume für die Decke wird zugleich dem alten indogermanischenGrundsätze, dass die Mauer nicht tragen sondern nur umschliessen soll,Genüge gethan, und letztere in dieser Beziehung von dem Gewölbe-dienste emancipirt; ausserdem lässt das römische ungebrochene, halbkreis-förmige Kreuzgewölbe den Eindruck des Seitwärtsschiebens kaum auf-kommen, weil es vermöge seiner Lakunarienzierde gleichsam als eine nurmodificirte Felderdecke auftritt.

Die Zerlegung der Decke in dynamisch thätige Gurtbögen undGewölbribben zog unausbleiblich dasjenige nach sich, was die modernenGothen die organische Gliederung 1 und Belebung der Wand nennen, wasaber weiter nichts ist als eine Vernichtung ihrer Existenz, eine sichtbareKundgebung des Verlustes ihrer Bedeutung als Wand; sie ist nunmehr

1 Rieses Wort wird, wie mir vorkommt, in neuerer Zeit als Ausdruck für gewisseEigenschaften einer Kunstform sehr missbraucht, in vielen Fällen scheint man garkeinen bestimmten Begriff daran zu knüpfen. Nicht jedes konsequent durchgeführteSystem einer Formgebung ist desshalb ein Organismus; dieser bedingt das Hervortretengewisser formaler Erscheinungen, die sich als Lebensäusserungen kundgeben unddenjenigen homogen sind, welche die lebendigen organischen Geschöpfe, nämlich diePflanzen und die Thiere, bei ihrer mikrokosmischen Thätigkeit und im Konflikte mitder Aussenwelt auszeichnet. Die griechische Säule, in ihrem Konflikte mit der nursenkrecht wirkenden Last über ihr, ist ein Organismus; der golhische Pfeiler mit seinenGewölbribben, wenn auch noch so konsequent durchgeführt, und obschon mit lockeremBlattschmucke an seinem Knaufe ungenügend und äusserlich als Organismus symbolisirt,ist und bleibt immer nur eine Struktur. Das vergebliche Bemühen, ihn beleben zuwollen, führte im XV. Jahrhunderte zu der Baumastarchitektur, die der letzte Versuchwar, jener steinernen Scholastik Leben einzuflössen.