Metallotechnik (Metallarbeiten). Die eigentliche Toreutik. 5^3
ausgebildet hervortritt. Das berühmteste und grösste Werk dieser Artist der aus Erz gegossene, fein ciselirte, siebenarmige Leuchter der heil.Maria in dem Dome zu Mailand , — aber erst ein Werk des XIII. Jahr-hunderts und wahrscheinlich der grössere und schönere Ersatz eines, beider Zerstörung von Mailand im Jahre 1162 geraubten älteren, gleich-artigen Kirchenschmucks. Letzterer wurde dem Herzog Wladislaw vonBöhmen als Beute zu Theil und in die von ihm erbaute ältere St. Veits-kirche gestiftet. 1 Aehnlich dem mailändischen ist er in der Ausführungnoch roh, während dieser als ein in seiner Art vollendetes Meisterwerkder Künste des Metallgiessens und der Toreutik gelten darf. Obschon inder Zeit entstanden, wie das gothische System schon anfing auf die Klein-künste zu drücken, zeigt sich an ihm dennoch keine Spur von gothischerNachahmung und dekorativer Benützung der Architekturformen. Organischwie ein Aloestengel wächst der siebengearmte Leuchter aus dem Drachen-knäuel hervor, das seine Wurzeln umschlingt. Das Figürliche, obschonvoll edlen Schwungs, in geistreichster Naturalistik gehalten, zeigt dennochSpuren eines gewissen byzantinischen Einflusses, der jedoch ein günstigerwar, indem er der naturalistischen Tendenz des Bildners Schranken setzteund die strenge Weihe des heiligen Geräthes hob. 2
Offenbar tritt an diesen und ähnlichen Werken schon die ent-schiedenste Opposition gegen das genannte System und dessen Druckhervor. Diese theilweise Unabhängigkeit der Kleinkünste und besondersder dekorativen Metallarbeit von der Baukunst dauert noch fort, selbstnachdem durch deutsche Meister und den allgemeinen Geschmack derZeiten der gothische Stil der Baukunst in Italien allgemeineren Eingangfand. Seitdem gegen das Ende des XIII. Jahrhunderts die pisanerMeister, die Giotto u. a., die Kunst theils aus byzantinischer Erstarrung,theils aus der Verwilderung herausgehoben hatten, wurden auch die Gold-schmiedekunst und dekorative Metallotechnik immer allgemeiner plastisch-bildnerisch. Die grössten Bildner, Orgagna, Donatello , F. Brunelleschi,Ghiberti , gingen aus der Goldschmiedezunft hervor und waren selbstgeschickte Goldschmiede. Johann von Pisa schmückte um 1286 denHauptaltar des Domes zu Arezzo mit emaillirten Silberreliefs, die BrüderAgostino und Agnolo, sowie Andrea von Pisa (f 1345), Schüler des
1 v. Hagen, Br. i. d. Heimat. Bd. I. S. 11.
2 Abbildungen davon in Didron’s Ann. Aehnliche Kandelaber im Dome zuBraunscbweig und sonst. Limusiner Kerzenträger ähnlichen Stils in Didron’s Ann.passim.
Semper, Stil. IT. 8
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