ZWEITES KAPITEL.
In unmittelbarer Nähe cler Liebfrauenkirclie in Brügge liegt eine schmale mit Kieseln gepflasterte Gasse. DerWanderer, welcher dieselbe beschreitet, hört keinen Schallals jenen der eigenen Fusstritte, und selbst diese tönen nurdumpf, da Moos und Gras die von Zeit und Regen glattgewaschenen Steine überwachsen hat. Ein Pförtchen imgrossen Thorbogen öffnet sich, sobald man die Klinke drückt,und führt in einen Hofraum, an welchen sich ein kleiner mitalten Linden bepflanzter Raum anschliesst. Unter demSchatten dieser ehrwürdigen Bäume ruht vielleicht einarmer Kranker, die matten, schlottrigen Glieder in einengrauen Rock gehüllt, die baumwollene Zipfelmütze tief bisüber die eingefallenen Augen herab gezogen. Wendet mansich vom Hofe in der anderen Richtung, so trifft ein ge-waltiger Steinbau das Auge. Nur mit einer Kirche lässter sich vergleichen. Plumpe alte Pfeiler tragen Bogen,welche das Hauptschiff von den Nebenschiffen scheiden.Erscheint der Bau in seinen äusseren Formen der Kircheverwandt, so ist auch seine Bestimmung einer solchen nichtunwürdig. Unter den Bogen, auf dem Boden der kirchen-artigen Schiffe erheben sich Reihen von Betten, in welchenKranke liegen, von still und geräuschlos wandelnden Nonnensorgsam und liebevoll gepflegt. Ein offener Heerd an jedemEnde der Halle mit hell flackerndem Feuer muthet den